EM : Berlins Wirte haben schon gewonnen

Viele haben nach der WM geschworen: Nie wieder zum Italiener! Durchgehalten hat fast keiner. Montag stürmten wieder die Fans die Pizzerien.

Sandra Dassler

Tamara Weiß hatte es sich fest vorgenommen: Als Italien am 4. Juli 2006 die Klinsmänner im Halbfinale der Fußball-WM besiegte, als das Sommermärchen jäh endete und Spieler wie Zuschauer im Dortmunder Stadion zu „You’ll never walk alone“ gemeinsam heulten, da schwor sich die 30-jährige Berlinerin: „Nie, nie wieder geh ich zum Italiener!“

„Si, das haben sich damals einige vorgenommen“, sagt Angilé Fabio, der Chef der „Osteria No.1“ in der Kreuzbergstraße: „Ich hätte ähnlich reagiert, wenn Deutschland gewonnen hätte – aber nur im ersten Moment.“ Angilé Fabio aus Apulien hat schon zur Fußball-WM 1990 ein kleines Zelt im Viktoriapark gleich neben der Osteria aufgestellt. Darin stand ein Fernseher – von Public Viewing sprach noch keiner. In diesen Tagen finden 300 bis 500 Leute Platz in Fabios 150 Quadratmeter großem Partyzelt mit Großbildleinwand und drei Tresen, auch wenn gestern bei der Niederlage Italiens gegen die Niederländer die Stimmung eher gedrückt war.

„So etwas ist der Trend“, sagt der Hauptgeschäftsführer des Hotel- und Gaststättenverbands Berlin (Dehoga), Thomas Lengfelder: „Man möchte gemeinsam jubeln. Jeder Wirt ist gut beraten, wenn er einen Großbildschirm aufstellt.“ Lengfelder beobachtet seit dem Sieg der Deutschen am Sonntag eine „steigende Euphorie in der Stadt“, von der die rund neuneinhalbtausend Gaststätten profitieren können. Zumal es diesmal erst ab dem Halbfinale eine Fanmeile gibt und nicht wie bei der WM von Anfang an. „Für die Gastronomen war das nicht so gut“, sagt Dehoga-Präsident Willy Weiland, der auch Chef des Hotels Intercontinental ist. Dort können Gäste die Spiele auf einem Fernseher an der Bar verfolgen, den man auch von der Terrasse aus sehen kann.

Etwa um zehn Prozent stiegen die Einnahmen während der EM, schätzt ein Italiener, der mehrere Gaststätten betreibt. Viele ausländische Gastronomen lassen sich zu den Spielen ihrer Mannschaft etwas Besonderes einfallen. Es könnte sich also lohnen, am heutigen Dienstag mal bei den Russen im „Anastasia“ in der Samariterstraße oder bei den Spaniern im „Alois S.“ am Senefelder Platz vorbeizuschauen.

„Beim Fußball kann Berlin sein multikulturelles Flair richtig ausleben“, sagt Osteria-No.-1-Chef Fabio. „Und beim Deutschland-Spiel am Sonntag kamen auch jene, die nie wieder zum Italiener gehen wollten“, sagt Fabio. Tamara Weiß hat 2006 nur zehn Tage durchgehalten. „Dann saß ich wieder bei meinem Lieblingsitaliener“, sagt sie – „mit schlechtem Gewissen.“ Sandra Dassler

Soll der Staat zur EM Flagge zeigen? Bei unserem Pro & Contra waren 94,8 Prozent der Anrufer dagegen, dass öffentliche Gebäude während der Europameisterschaft beflaggt werden.

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