EM-Halbfinale : Heimspiel für alle

Zum EM-Halbfinale am Mittwoch wird die deutsch-türkische Freundschaft beschworen. Die Polizei ist aber für alle Fälle auf Randalierer vorbereitet.

Tanja Buntrock[Stefan Jacobs],Frank Jansen
em Foto: Rückeis
Erster! Als die Fanmeile am Dienstagnachmittag eröffnet wurde, hatten die Besucher noch richtig Platz am Brandenburger Tor. Am...Foto: Rückeis

Vereinzelte Besucher schlenderten die vom Autolärm befreite Straße des 17. Juni entlang, erste Grill- und Waffelduftwolken zogen Richtung Siegessäule, und vor der Bühne am Brandenburger Tor lehnten Polizisten in T-Shirts entspannt an den Absperrgittern. Es war die Ruhe vor dem Ansturm, der zum heutigen EM-Halbfinalspiel auf der Fanmeile erwartet wird – und nicht nur dort. Die Stadt wappnet sich für das deutsch-türkische Match, das so etwas wie ein Berliner Lokalderby ist, auf vielfache Weise.

Rhetorisch fällt vor allem der überaus freundliche Ton auf: Von einer „Traumkonstellation“ spricht der Vorsitzende des Fußballvereins Türkiyemspor, Celal Bingöl. „Wie das Spiel auch ausgeht: Kreuzberg und ganz Berlin werden jubeln.“ Die Vorsitzenden von Türkischer Gemeinde und Türkisch-Deutscher Unternehmervereinigung wollen das Spiel gemeinsam mit dem Staatssekretär im Auswärtigen Amt und Bundestagsabgeordneten schauen. Der Integrationsbeauftragte erwartet ein „großes Fest der Gemeinsamkeit“. Die Türkische Gemeinde „wünscht beiden Mannschaften viel Glück“ – und bittet, „den freundschaftlichen Zusammenhalt“ beizubehalten, „egal wie das Spiel ausgeht“.

Die Polizei ist optimistisch, dass dieser Wunsch in Erfüllung geht: „Wir haben keine Erkenntnisse, dass es zu Gewalttätigkeiten kommen wird“, betonte ein Sprecher und fügte hinzu: „Selbstverständlich sind wir aber auf alles vorbereitet.“ Das heißt konkret, auch eine mögliche Gewalteskalation zwischen Türken und Kurden habe man in die „Lagebewertung“ einfließen lassen. Angesichts der latenten Spannungen halten Sicherheitsexperten weitere Auseinandersetzungen zwischen Jugendlichen der verfeindeten Volksgruppen für möglich. Schon bei Spielen in der Vorrunde seien Türken und Kurden in deutschen Städten aneinander geraten, hieß es. Junge Kurden hätten sich durch enthusiastische Türken bedroht gefühlt. Andererseits würden türkische Jugendliche den Kurden vorwerfen, sie hielten bei den Spielen immer zu den Gegnern der Türkei.

Angriffe von Rechtsextremisten schließen Sicherheitsexperten hingegen weitgehend aus, trotz der rassistischen Hetze von Neonazis im Internet. Die rechte Szene scheine sich Krawalle türkischer Fans zu wünschen, sagte ein Experte. Es gebe das zynische Kalkül, Ausschreitungen junger Türken würden bei Deutschen ausländerfeindliche Ressentiments schüren.

Die Berliner Polizei wird von sechs Einsatzhundertschaften aus Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Sachsen, Thüringen und von der Bundespolizei unterstützt. Die Planungen für den Spieltag laufen seit Tagen. Wie viele Beamte insgesamt im Einsatz sein werden, konnte die Behörde gestern noch nicht mitteilen. Wie angekündigt, werden aber auch etliche „Anti-Konflikt-Teams“ (AKT) – also Beamte in gelben Westen – unterwegs sein, „um dort, wo die Situation entgleisen könnte, auf die Leute einzuwirken“, sagte der Sprecher. Insbesondere auf der Fanmeile seien die AKT im Einsatz. Bis zu 500 000 Menschen sollen laut Veranstalter rund um die drei großen Videowände auf der Straße des 17. Juni Platz haben. Geöffnet ist die Fanmeile täglich ab 10 Uhr – auch an den spielfreien Tagen. Zum Finale am Sonntag wird die Meile möglicherweise bis zur Siegessäule verlängert.

Um Gedränge zu vermeiden, bitten die Veranstalter alle Besucher, die Bahnhöfe Unter den Linden und Potsdamer Platz zu meiden und stattdessen den Hauptbahnhof sowie die S-Bahnhöfe Tiergarten und Bellevue zu nutzen. Polizeipräsident Dieter Glietsch werde sich das Halbfinale auch auf der Fanmeile anschauen, sagte ein Sprecher. Einen Tipp wolle der Behördenchef nicht abgeben. „Er freut sich dann mit dem Gewinner des Spiels.“

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar