Berlin : Emmi Güttgemanns (Geb. 1921)

Sie hat nie geklagt. Sie hat gestrickt und gekocht, Eisbein mit Kartoffeln.

Thomas Loy

Emmis Werkstatt lag im Heizungsraum. Die Beleuchtung war gut, die Temperatur angenehm. Emmi trug einen Kittel, verzichtete aber auf Atemmaske und Schutzbrille. Sie fräste, schraubte und polierte, bis sie mit einer puderweißen Staubschicht überzogen war. Was zählte, war das Ergebnis, der komplette Schädel mit Zähnen und beweglichem Unterkiefer. Tausende hat sie präpariert, in Heimarbeit, Schädel aus Kunststoff für Skelette, die später in Anatomiehörsälen, Biologieräumen und bei nekrophilen Sammlern standen. Andere Heimarbeiterinnen fertigten die Wirbelsäule, das Becken, die Extremitäten. Emmi war exklusiv mit der Schädelfertigung betraut, zehn Jahre lang. Sie tat es gerne.

Die meisten Menschen arbeiten, um ein Auskommen zu haben. Aber auch, um nicht zu spüren, wie die Zeit vergeht. Was soll man sonst tun den ganzen Tag? Lesen, das ginge, aber Emmi hat nicht viel gelesen. Sie hat lieber gearbeitet. Oder im Fernsehen Fußballspiele angeguckt.

Emmi arbeitete auch, weil sie vier Jungs hatte, die hungrig waren und ständig aus den Hosen wuchsen. Das war lange vor der Zeit mit den Schädeln. Erst wohnte sie An der Kappe 54 in Spandau, zwei Zimmer ohne Bad, dann An der Kappe 81, zweieinhalb Zimmer mit Bad. Der pure Luxus, auch wenn die Jungs sich das halbe Zimmer teilen mussten.

Emmi hatte eine Hauswartstelle bei der Gewobag. Sie wechselte Glühbirnen aus, wischte die Treppen und schloss um acht Uhr abends die Haustüren zu. Die Jungs halfen ihr oft beim Zuschließen. Ihr Vater, Emmis erster Mann, war versehrt aus dem Krieg gekommen, besonders an der Seele. Er neigte, wenn er getrunken hatte, zum Jähzorn, schlug seine Frau und die Kinder und warf, wenn ihn die Wut packte, Möbel aus dem Fenster.

Emmi ließ sich 1963 scheiden. Sie hat versäumte zu erzählen, ob sie damals verzweifelt war oder erleichtert. Sie hat auch nicht erzählt, wie die Welt aussah in dem schlesischen Dorf, wo sie aufgewachsen war, und wie es später war, als sie mit Kind und Kegel nach Dresden flüchtete, das Bombeninferno.

Sie hat die schweren Jahre eingekapselt, unschädlich gemacht, endgelagert. Vielleicht war es gut, das Erinnern zu verweigern. Sie hat nie geklagt. Sie hat gestrickt und gekocht, Eisbein mit Kartoffeln, weil ihre Männer das so mochten.

Im Lokal „Auf dem Berg“, Hochgerichtstraße, da, wo früher die Spandauer Verbrecher am Galgen hingen, wurde eine Reinemachefrau gesucht. Emmi ging hin und bekam die Putzstelle. Sie war jetzt 44, hatte aber immer noch dieses tolle Werbelächeln, wenn die Kamera auf sie zielte oder ein Mann auf Brautschau. Mit den effektvollen Augenbrauen, dem gelockten, schulterlangen Haar und ihrer zierlich schlanken Figur verdrehte sie dem Besitzer des Lokals den Kopf. Er machte sie zur Serviererin. Die gute Zusammenarbeit entwickelte sich zur privaten Beziehung, die dann mit der Heirat besiegelt wurde. Er war viele Jahre jünger als sie, ein offenes Geheimnis, das viel Stoff für Kneipengespräche lieferte. Sollten sie reden. Diesmal war es der Richtige.

Emmi brachte neuen Schwung ins Lokal. Eine zweite Gaststätte wurde gepachtet, das „Jägerhäuschen“, das es heute nicht mehr gibt, danach übernahmen sie das „Falken-Eck“, wo die Fußballer einkehrten, Mannschaftskollegen von Emmis Schwager, der im Verein spielte. Das Geld wurde angelegt fürs Eigenheim. Was Schönes kaufen, in den Urlaub fahren oder mal ausspannen, das wollte Emmi nicht. Das hatte ihr niemand beigebracht.

Bis morgens um zwei auf den Beinen, Biergläser schleppen, derbe Männerwitze weglächeln, schimpfende Ehefrauen am Telefon besänftigen, von beißenden Rauchwolken entzündete Augen trocknen, sechs Tage die Woche. Irgendwann reichte es, die Kneipen wurden verkauft. Emmi zog sich ins neu erworbene Haus zurück, richtete im Heizungsraum ihre Schädelmanufaktur ein und kümmerte sich um den großen Garten, wo diverses Geflügel unterkam. Es fand sich immer Arbeit. Die Stammgäste aus dem Falken-Eck wechselten in die Garage des Güttgemanns’schen Privatanwesens, um weiter ihr Bier zu trinken, Skat zu spielen und Fußball zu gucken.

Das Alter hielt für Emmi noch ein paar böse Überraschungen bereit. Sie litt unter Alzheimer, wurde langsam dement, bekam Brustkrebs und brach sich zweimal den Oberschenkelhals. Ihr Mann pflegte sie zwölf Jahre lang zu Hause.

Emmi begann, das Schlesierlied zu singen, mit voller Inbrunst, immer wieder. Die Brüche zog sie sich zu, weil sie unentwegt zum Briefkasten am Gartentor lief, um nach der Post zu schauen. Sie klagte nicht, sie fühlte sich geborgen und beschützt. Nach Schlesien, in das Dorf ihrer Eltern, ist sie nicht mehr gefahren. Gut möglich, dass es für sie schon lange nicht mehr existierte. Thomas Loy

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