Ende des Zweiten Weltkriegs in Berlin : Wer zerstörte 1945 den Nord-Süd-Tunnel?

Hunderte starben, als in den letzten Tages des Zweiten Weltkriegs im Mai 1945 die Decke des Nord-Süd-Tunnels unter dem Landwehrkanal gesprengt wurde. Wieso? Von wem? Die Geschichte ist immer noch rätselhaft.

Gerhard Schuhmacher
Im Mai 1945 wurde der Nord-Süd-Tunnel unter dem Landwehrkanal zerstört. Die Flut erreichte in kurzer Zeit die S-Bahnstation am Anhalter Bahnhof. Foto: Doris Spiekermann-Klaas
Im Mai 1945 wurde der Nord-Süd-Tunnel unter dem Landwehrkanal zerstört. Die Flut erreichte in kurzer Zeit die S-Bahnstation am...Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Züge fuhren kaum noch – aber der Anhalter Bahnhof war überfüllt mit Menschen. Sie suchten Schutz vor dem Artilleriebeschuss der Sowjets. Ab dem 25. April 1945 war auch der nebenan stehende Hochbunker überfüllt. Kurz bevor die sowjetischen Panzer die Barriere Landwehrkanal erreichten, wurden am 26. April abends die Brücken von einem Wehrmachtskommando gesprengt. Und während Anfang Mai in Berlin noch Kämpfe im Zentrum tobten, wurde auch die Decke des Nord-Süd-Tunnels der S-Bahn unter dem Landwehrkanal in die Luft gejagt – von wem und wieso, ist bis heute nicht zweifelsfrei geklärt.

Die Wassermassen stürzten in den Schacht. Die Flut erreichte in kurzer Zeit die S-Bahnstation Anhalter Bahnhof, in der sich hunderte Menschen aufhielten. Soldaten mit Fackeln hatten zuvor zusammen mit Rotkreuzschwestern versucht, die Massen durch den Tunnel nach Norden zu leiten, doch blieben viele Erschöpfte, Alte, Kranke und auch Gleichgültige im S-Bahnhof zurück und hatten in der Flut keine Chance.

Am nächsten Morgen war der Krieg zu Ende

Schon wenige Minuten nach der Sprengung erreichte das Wasser die Station Potsdamer Platz, in der Panik herrschte – auch weil die Flucht nach oben noch in umkämpfte Bereiche führte. In der Station Unter den Linden lagen 1600 Verwundete in Lazarettzügen und auf dem Bahnsteig. In der Nacht war der Tunnel schon weitgehend aufgefüllt, im Bahnhof Friedrichstraße floss das Wasser in das Netz der U-Bahn. Am nächsten Morgen war der Krieg in Berlin zu Ende. Aus den Zugängen der überschwemmten Bahnen wurden Hunderte von Leichen geborgen.

Die Geschichte vom Anhalter Bahnhof
Was übrig blieb vom Rest: Der Anhalter Bahnhof in Berlin-Kreuzberg, aufgenommen im Februar 2015. Foto: Doris Spiekermann-KlaasWeitere Bilder anzeigen
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03.02.2015 09:54Was übrig blieb vom Rest: Der Anhalter Bahnhof in Berlin-Kreuzberg, aufgenommen im Februar 2015.

Der von der Reichsbahn mit der Wiederinstandsetzung des S-Bahn-Tunnels beauftragte Bauabteilungsleiter Rudolf Kerger wurde ab Herbst 1945 zum Berichterstatter. Seine präzisen Angaben (so datiert er den Zeitpunkt der Sprengung auf 7.55 Uhr) suggerieren Kenntnis und Glaubwürdigkeit. Allerdings legt er den ganzen Vorgang auf den 2. Mai, schreibt „SS-Einheiten“ als Verursacher fest und führt die nach Trockenlegen des Tunnels im Februar 1946 geborgenen 90 Leichen als offizielle Opferzahl ein.

War der Tag der Sprengung der 1. Mai?

Augenzeugenberichte legen hingegen nahe, dass der Tag der Sprengung der 1. Mai gewesen sein muss. Als Täter nennen ein Truppentagebuch und ein Zeitungsbericht vom Juni 1945 Pioniere der Wehrmacht. Wenig glaubhaft sind außerdem Gerüchte, die sich auf eine Abwehrmaßnahme gegen in den Tunnel eindringende Sowjetsoldaten beziehen, da anderen Überlieferungen zufolge die Russen den Weg durch die finsteren, überfüllten Schächte scheuten. Zudem waren sie zu dieser Zeit schon oberirdisch an ihre Ziele gelangt.

Der Autor ist Dokumentarfilmer und freier Historiker. Er arbeitet an einem Film über die Ereignisse vor 70 Jahren.

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