Berlin : Ende eines Mythos

Das Amerika-Haus war in den 60ern Angriffsziel der Studentenbewegung. Heute ist es Symbol ohne Sinn

Bernd Matthies

Am 1. Oktober ist das Amerika-Haus nicht mehr das Amerika-Haus, jedenfalls offiziell. Denn die USA haben den Mietvertrag zu diesem Termin gekündigt und wollen alles, was ihrer kulturellen Außendarstellung dient, künftig in der neuen Botschaft am Pariser Platz unterbringen. Das Gebäude ist schon jetzt geräumt, der Wachschutz patrouilliert vor einem Symbol. Und diese symbolische Bedeutung des Hauses ist auch der Grund für die Debatten um seine zukünftige Nutzung.

Das Amerika-Haus war 1956/57 nach Plänen des Architekten Bruno Grimmek errichtet und am 5. Juni 1957 im Rahmen der Internationalen Bauausstellung eröffnet worden. Es sollte „das durch Nationalsozialismus und Spaltung entstandene Informationsdefizit der Berliner Bevölkerung ausgleichen“, wie es im Berlin-Handbuch heißt. Diese Funktion ging weitgehend verloren, als das Haus zum Angriffsziel der Studentenbewegung wurde. Mehr als 40 Jahre ist es jetzt her, dass 2500 Studenten am 5. Februar 1966 erstmals gegen den Vietnam-Krieg demonstrierten, zunächst friedlich, dann mit einem „Sit-In“ vor dem Amerika-Haus. Es geschah das bis dahin Undenkbare: Eier flogen gegen die Fassade, die Flagge wurde auf Halbmast gezogen, die Polizei räumte, es gab Handgreiflichkeiten, blutige Nasen.

Die Demonstration 1966, von Wolfgang Neuss und dem SDS organisiert, war nur ein Vorläufer späterer Großereignisse. „Die Polizisten trugen Krawatten, einige Studenten auch“, schrieb F. C. Delius später in seinem Buch „Amerikahaus“, und die Schäden waren unerheblich im Vergleich zu jenen, die kurz zuvor beim Konzert der Rolling Stones in der Waldbühne angerichtet worden waren. Doch das schlichte Gebäude in der Hardenbergstraße, das nichts von Macht und Bedeutung der Vereinigten Staaten ausstrahlt, wurde so zum Mythos der Studentenbewegung und zum scharf bewachten Angriffsziel späterer, aggressiverer Demonstrationen. Seitdem stand es ständig unter Polizeischutz, war nicht mehr öffentlich zugänglich und hatte seine Bedeutung verloren. Einem Abriss steht prinzipiell nichts im Weg: Der Liegenschaftsfonds will das Grundstück verkaufen. Die Grünen in der BVV Charlottenburg-Wilmersdorf aber sprechen sich dagegen aus. Sie wollen im Gebäude ein Zentrum der Geschichte der 68er- Bewegung einrichten und es dem Deutschen Historischen Museum unterstellen. Der Eröffnungstermin ergäbe sich aus der Geschichte: Am 2. Juni 2007 jährt sich der Tod von Benno Ohnesorg zum 40. Mal.

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