Endlich besser als Hamburg : Berliner Werbeagentur ist Newcomer des Jahres

Die Berliner Werbeagentur „Dieckertschmidt“ gewinnt den Titel als Newcomer des Jahres – der sonst meist in den Norden ging. Ihre Gründer hängten ihre gut bezahlten Jobs an den Nagel, um endlich ihr Ding zu machen.

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Die beiden Werber in ihrem Büro
Stefan Schmidt (links) und Kurt Georg Dieckert haben sich 2012 selbstständig gemacht.Foto: Spiekermann-Klaas

Und wer hat nun den Anstoß gegeben? Kurt Georg Dieckert und Stefan Schmidt sehen einander an. „Das war wie immer bei uns beiden“, sagt Kurt Dieckert, 53, hellgraues Haar, schwarz umrandete Brille: „Keiner.“

„Genau“, platzt Stefan Schmidt, 49, dazwischen, „wir wussten einfach, dass wir das wollen und es das Richtige ist.“ Und das schon seit Jahren: 1996 lernten die beiden einander in der renommierten Werbeagentur Springer & Jacoby in Hamburg kennen, gingen seither alle beruflichen Wege gemeinsam. Als Kreativchefs einer Niederlassung in London, später geschäftsführende Gesellschafter der Agentur TBWA in Berlin. „Immer, wenn wir dachten, jetzt machen wir uns selbstständig, tat sich eine andere tolle Chance für uns auf“, erzählt Dieckert.

Anfang 2012 gründeten sie dann – trotz „zurückhaltender Begeisterung“ ihrer Frauen, wie Schmidt es ausdrückt – ihre eigene Firma. „Die Reaktionen haben uns sehr gefreut“, sagt Dieckert. „Na endlich“, hätten viele Kollegen gesagt, und einer schrieb: „Dieckertschmidt? Gibt es doch schon ewig. Hieß nur anders.“

Preisverleihung am Donnerstag

Am Donnerstagabend wird Dieckertschmidt in Mitte von der Jury des Projekts „Jahr der Werbung“, hinter dem die Ullstein-Verlagsgruppe steht, zur Newcomer-Agentur des Jahres gekürt. Eine begehrte Auszeichnung in der Branche. Zehn Kunden betreuen die Berliner bereits, darunter namhafte Konzerne wie Mercedes, Adidas und Grohe. 1,5 Millionen Jahresumsatz machte die Agentur 2013, ist mittlerweile auf 14 Mitarbeiter angewachsen. Im Dezember haben sie neue Räume in der Rosenthaler Straße bezogen. „Noch sieht es ein bisschen steril aus, aber das ändert sich“, sagt Dieckert. Hier und da hängen schon Anzeigen vertrauter Kampagnen an den Wänden. Ansonsten viel Weiß, Designerlampen und Panorama-Fensterfronten. „Anhand des Publikums, das sich unten vor den Schaufenstern tummelt, wissen wir immer genau, ob gerade Fashion Week ist oder Berlinale“, sagt Schmidt. „Am wunderbarsten aber ist dieser Blick in die Sophienstraße!“, fällt Dieckert ein. Schmidt nickt zustimmend, breitet die Arme aus: „Wir wollten genau hier sein.“

Es ist das zweite Mal überhaupt, dass die Auszeichnung an ein Berliner Unternehmen geht. 2001 holte „Heimat Berlin“ den Titel in die Hauptstadt. Ansonsten schien Hamburg geradezu auf den Preis abonniert zu sein, die Werbehochburg mit mächtigen Agenturen wie Jung von Matt und Scholz und Friends.

Berlin ist experimenteller als Hamburg

„Berlin ist unetablierter und deshalb viel experimenteller“, sagt Dieckert. „Frei von Dünkel auch“, ergänzt Schmidt. Die beiden Männer legen keinen Wert darauf, dass Jobbewerber die Namen aller Großen der Branche unter ihren Referenzen auflisten. „Wir gucken nur nach Talent und danach, wie nett die Leute sind,“ sagt Schmidt. Ihre Agentur arbeitet mit der privaten Berliner Designakademie zusammen, hat Nachwuchskräfte direkt aus der Ausbildung geholt. Unter den Mitarbeitern finden sich zwei Portugiesen, eine Slowenin. „Berlin ist international“, sagt Dieckert. „Ein super Boden für ungewöhnliche Ideen.“

Sowohl Dieckert als auch Schmidt haben drei Kinder. Ohne Startkunden haben sie vor zwei Jahren ihre gut bezahlten Jobs verlassen. „Wir möchten nicht für ein Unternehmen arbeiten, dessen Inhaber in Miami Golf spielt und sich null für unsere Arbeit interessiert“, erklärt Schmidt den Schritt. Wirklich originelle Kampagnen, kritisieren die beiden, kreierten viele nur noch für Wettbewerbe. „Von den Plakaten und aus den Fernsehspots springt einen eine grauenhafte Mittelmäßigkeit an.“ Niemand habe Lust, gehirnwäscheartig zu wiederholen, wie toll ein Produkt sei. „Wir fragen: Was ist die Geschichte?“

Gefeierte Kampagnen

Als der FC Bayern jüngst das Champions-League-Finale gewann, bestellte Adidas eine Glückwunsch-Anzeige. Das Ergebnis vereint zwei Fotos von Bastian Schweinsteiger. Der Bayern-Star, am Boden kauernd, die Hände vorm Gesicht, untröstlich nach dem verschossenen Elfmeter im Champions-League-Finale 2012. Der Bayern-Star, aufrecht, lachend, die Arme emporgestreckt nach dem siegreichen Finale 2013. „Zwölf Monate. Ein Augenblick. Alles anders“ steht dabei. Phönix aus der Asche. Die Collage war am Tag der Veröffentlichung einer der meistgeteilten Inhalte auf Facebook.

„Im Büro siehst du das Büro. Im Truck siehst du die Welt“, hieß der Claim zu einer Anzeigenserie für Mercedes-Lkws vor traumhaften Landschaften. Die Kampagne traf den Nerv der Speditionsbranche, die große Nachwuchsprobleme hat. „Unsere Aufgabe ist es, die Probleme unserer Kunden zu lösen“, sagt Schmidt. Die Wahl zur „Newcomer-Agentur des Jahres“ ist bereits die dritte Auszeichnung für die Wahlberliner. Die Familien dürfen also beruhigt sein.

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