Berlin : Endlich Bettruhe

Tanja Buntrock

Dieses Geräusch ist ein Liebeskiller: Die Ehefrau kann kein Auge zumachen, weil der Mann an ihrer Seite ständig die Wände wackeln lässt. Da hilft kein Rütteln und kein Schütteln - der Gatte schnarcht weiter. Konsequenz: Einer von beiden muss auf dem Sofa nächtigen. Oder: getrennte Schlafzimmer. Laut einer Umfrage unter 1000 Frauen, die ein Frauenmagazin kürzlich in Auftrag gegeben hat, fühle sich mittlerweile jede zweite durch das Schnarchen ihres Partners in ihrer Nachtruhe gestört.

Doch das Schnarchen kann nicht nur unangenehm sein, sondern regelrecht gefährlich werden. Dann nämlich, wenn der Schnarchende unter einer Schlafapnoe leidet - eine Erkrankung mit häufigen Atempausen im Schlaf. "Bis zu 30 Sekunden setzt bei diesen Menschen während des Schlafs die Atmung aus", erklärt Olaf Göing, Chefarzt der Kardiologie im Krankenhaus Lichtenberg. Die Folge: eine heftige Weckreaktion. Der Schlafende holt als Ausgleich tief Luft. Dadurch kommt er aber nie richtig in die Tiefschlafphase und fühlt sich am nächsten Tag wie gerädert, obwohl er meist über acht Stunden im Bett gelegen hat. Häufig nicken diese Menschen dann tagsüber ungewollt ein: egal, ob sie am Schreibtisch oder gar hinterm Steuer ihres Autos sitzen.

Vor einigen Wochen hat das Krankenhaus Lichtenberg ein Schlaflabor eingerichtet, in dem die Ursachen von Schlafstörungen untersucht werden. Etwa 30 Patienten sind dort bislang in Behandlung. "Wir sind wahrlich nicht die ersten, die so ein Labor betreiben. Rund zehn Berliner Krankenhäuser besitzen schon eins, und seit etwa zehn Jahren wird anhand von Schlaflabor-Untersuchungen gearbeitet", sagt Göing. Doch es gibt gute Gründe, weswegen das Krankenhaus Lichtenberg nun auch nachgezogen hat: Untersuchungen hätten belegt, dass Menschen mit einem gestörten Schlaf häufiger als andere einen Herzinfarkt, einen Schlaganfall oder Herzrhythmusstörungen bekämen. "Natürlich kann man nicht immer sagen, dass ein Patient mit Herzkreislauferkrankungen automatisch auch an Schlafapnoe leidet", erklärt Göing, "aber ein auffälliger Zusammenhang besteht da schon". Deswegen werden Patienten wie Jörg D. ganz genau befragt. Eigentlich ist der 59-Jährige wegen eines Schlaganfalls in Göings Behandlung gekommen. Der Chefarzt fand im Gespräch heraus, dass D. schon jahrelang getrennt von seiner Frau schläft - ein typischer Schnarcher. Da er als Selbstständiger einem hohen Leistungsdruck ausgesetzt ist, schaffte er es gerade noch, tagsüber seine Müdigkeitsattacken abzuwehren. "Abends aber bin ich oftmals schon vor der Tagesschau so müde gewesen, dass ich auf dem Sofa eingeschlafen bin", sagt Jörg D. Auch längere Autofahrten machten ihm schnell zu schaffen.

Nach einigen Voruntersuchungen kam Jörg D. dann ins Lichtenberger Schlaflabor. Mit einer Infrarotkamera wurde der verkabelte Patient überwacht. Ein Mikrofon hat die Vibrationen seines Kehlkopfes übertragen. Die Mitarbeiter konnten, während D. seelenruhig schlief, am Computer unter anderem seine Hirnströme, seine Muskelbewegungen und seine Herzfrequenz verfolgen. Innerhalb von zehn Minuten hatte Jörg D. sieben Atemaussetzer. Danach folgte die für Menschen mit Schlafapnoe typische Weckreaktion des Körpers, die die Kurve auf dem Bildschirm heftig ausschlagen ließ. "Sicher können wir nicht sagen, dass sein Schlaganfall von seiner Schlafapnoe herrührt", gesteht Göing, "aber es könnte sein."

Zumindest kann Jörg D. wie auch anderen Schlafapnoe-Patienten geholfen werden. Zukünftig wird er eine so genannte Schlafmaske tragen. Mit Hilfe einer Laptop-großen Maschine wird ein Überdruck erzeugt, durch den der Verschluss der Atemwege gelöst wird. Somit gibt es weder Atemaussetzer noch Weckreaktionen. Und das Schnarchen hat auch ein Ende. Allerdings muss er dafür die Schlafmaske, die von den Krankenkassen bezahlt wird, ständig zum Schlafen tragen. "Das ist der Beginn einer wunderbaren Freundschaft", frotzelt Göing. Maske hin oder her: Wenigstens schläft Jörg Ds. Frau bald wieder in seinem Bett. Und nicht auf der Couch nebenan.

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