Berlin : Endlich frei

Dave Gahan von Depeche Mode auf Solotour

Martín E. Hiller

Wie heißt es bei Benjamin Stuckrad-Barre: „Wenn eine Band sich aufgelöst hat, hört man nach kurzer Zeit von lauter Soloprojekten. Manchmal hört man auch schon kurz vor der Auflösung davon.“ Was der Autor mit des Künstlers Wunsch nach einem fortlaufenden Einkommen begründet, könnte im Falle von Dave Gahan auch Vorbote eines gekränkten Abschieds sein. Schließlich ist es doch das erste Mal in 22 Jahren Depeche Mode, dass der Sänger der Band ein Soloalbum herausbringt. Heute Abend spielt Gahan zum Auftakt seiner im Handumdrehen ausverkauften Deutschlandtour in der Columbia Halle.

Im „Music Express“ hatte sich der 41-Jährige unlängst darüber beklagt, dass Martin Gore die Stücke stets alleine schreibe und ihn, Gahan, als Komponist nicht akzeptierte. „Das tat sehr weh“, sagte Gahan. „Paper Monsters“ entstand nicht zuletzt deshalb, weil er das Gefühl hatte sich von dieser musikalischen Vormundschaft lösen zu müssen. „Endlich fühle ich mich frei“, sagte Gahan, der alle Titel seiner CD zusammen mit seinem alten Freund Knox Chandler geschrieben hat. Die einmaligen Melodien der Synthielegende Depeche Mode hat Gahan solo nicht gefunden, und doch merkt man Titeln wie „I need you“ oder „Goodbye“ seine große Einfühlsamkeit und auch Schaffenskraft an.

Auch Gore, der schon seit 1989 Soloalben herausbringt, scheint für seine ganz großen Würfe die Inspiration von „DM“ zu brauchen, nur wenn er für die Band komponiert, schafft er etwas wirklich Besonderes. Es wäre ein großer künstlerischer Verlust, fänden die beiden Stars und das dritte Mitglied der Band, Andrew Fletcher, künftig keinen Weg mehr, zusammenzuarbeiten. Fletcher ist übrigens als DJ beim Berlinova-Festival im brandenburgischen Luckau am 15. Juni gebucht.

Auch in Berlin wäre so mancher tief traurig über das Ende von DM. Die Stadt hat eine große Zahl von Depeche-Mode-Anhängern, die den Engländern seit Beginn der 80er Jahre die Treue halten. Nach wie vor gibt es regelmäßig Tribute-Parties, unter www.depeche- mode.de erfahren die Fans, wo – auch in anderen Städten – die „Parties for the masses“ stattfinden. Die Charlottenburger Diskothek Linientreu etwa, die in den 80er Jahren auch Gahan und Gore selbst schon einmal zu ihren Gästen zählen durfte, veranstaltet bis heute DM-Parties und ihre „Fete to grey“ mit Elektro- und Independentklängen aus dieser Zeit. Berlins größte Depeche-Mode-Party findet jedoch nach Angaben der Veranstalter in der Arena in Treptow statt. Am 28. Juni gibt es das nächste Mal Videos von alten 101-Zeiten bis zu Stücken der letzten CD, „Exciter“, zu genießen.

Am Pfingstwochenende war Gahan bereits beim Doppelfestival Rock am Ring/Rock im Park aufgetreten und hatte angedeutet, worauf sich die Fans freuen können: Neben den leidenschaftlich vorgetragenen Stücken von „Paper Monsters“ brachte Gahan auch klassische DM-Nummern wie „Never let me down again“ oder „Walking in my shoes“. Die Verbundenheit zu seiner Band und ihren Titeln hat Gahan also doch nicht verloren, wie er auch selbst gern zugibt: „Ich habe Martins Texte immer gern gesungen.“

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