Berlin : Endlich mal eine stille Nacht

Brüllende Babys können ihre Eltern an den Rand des Wahnsinns bringen Ihnen hilft die Schreibaby-Ambulanz. Doch die braucht dringend Geld

Daniela Martens

Die sechs Wochen alte Marie schläft tief und fest und stöhnt dabei ganz wohlig. Ihr Köpfchen liegt entspannt an Paula Diederichs Brust – auf der Herzseite. Die Schreibaby-Therapeutin sitzt auf einem Medizinball und wippt mit ihrem Schützling sachte auf und ab. Doch plötzlich zieht sich der kleine Körper zusammen. Die zarten Laute werden eindringlicher, aber noch ist es kein Schreien. Maries Füßchen verkrampfen sich. „Jetzt steigt eine Blähung nach oben“, sagt Paula Diederich. „Da muss man gegenhalten.“ Mit zärtlichem Griff hält sie den kleinen Strampelhosenhintern nach unten, massiert ihn sanft und schaukelt weiter. Ihre Lippen lässt sie mit einem beruhigenden Laut vibrieren: „Brbrbrbr“. Marie schlummert wieder still und entspannt.

Sie ist ein Frühchen, und deshalb ist ihr Darm noch nicht richtig ausgebildet. Oft schütteln sie heftige, schmerzhafte Krämpfe. Und dann schreit sie – oft nachts, manchmal sieben Stunden lang. Bis ihre Mutter kurz vor einem Nervenzusammenbruch steht. Deshalb kommen die beiden einmal pro Woche zu Therapeutin Paula Diederich in die Schreibaby-Ambulanz in der Nachbarschaftsetage Fabrik Osloer Straße in Mitte. Durch ihre Arbeit hilft sie zu verhindern, dass Eltern ihre Kinder beinahe zu Tode schütteln und dem kleinen Gehirn schwere Schäden zufügen – Fälle, wie sie in Berlin immer wieder vorkommen, oft in sozial benachteiligten Familien. Doch gerade diese können sich die Beratung nicht leisten – hier will der Tagesspiegel mit seiner Spendenaktion einspringen und ihnen die Therapie ermöglichen.

„Schreien Babys ununterbrochen, ist das wie eine Folter für die Eltern“, sagt Diederich. Der Mangel an Tiefschlafphasen treibe sie oft in einen „katastrophalen Erschöpfungszustand“. Dann stellten sich bei vielen Gewaltfantasien ein – sie wollen das Gebrüll nur noch abstellen. Maries Mutter, eine ruhige, gepflegte Frau, hatte solche Fantasien nie und trotzdem sagt sie: „Ich kann das irgendwie verstehen.“ Um die Aggressionen abzubauen, lässt Diederich die Eltern etwa auf ein Kissen einschlagen. Vor allem aber sollen sie lernen, sich nicht unfähig und schuldig zu fühlen. Und ebenso wie die Babys lernen sie, sich zu entspannen. Ganz ruhig und aus dem Bauch heraus soll Maries Mutter atmen, ihre Ruhe überträgt sich auf das Kind. „Marie flippt jetzt viel seltener nachts aus“, sagt ihre Mutter. Und sie selbst hat gelernt, sich nicht mehr als Versagerin zu fühlen und auch mal wieder Atem zu schöpfen. „Ich bin wie ein Stressabsauger“, sagt die Therapeutin. Mehr als drei Schreibabys hintereinander hält aber auch sie nicht aus.

Träger des Pilotprojekts, das vom Senat und der Charlotte-Steppuhn-Stiftung gefördert wird, ist die Ufa-Fabrik in Tempelhof. An insgesamt fünf Standorten – auch in Zehlendorf, Pankow und Kreuzberg – wird Eltern und Kindern mit dem Schreibaby-Syndrom geholfen. Ursachen dafür können laut Diederich Frühgeburten oder Kaiserschnitte sein – oder andere Probleme während der Schwangerschaft: Etwa wenn die werdende Mutter Geldsorgen hatte. Wogegen es keine Therapien gibt.

Spendenaktion Der Tagesspiegel e. V., Verwendungszweck: „Menschen helfen!“ Kto.-Nr. 25 00 30 942, Berliner Sparkasse, BLZ 100 500 00. Online-Banking ist möglich. Bitte notieren Sie Namen und Anschrift für den Spendenbeleg. Internet: www.tagesspiegel.de/spendenaktion

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