Berlin : Endlich Plüschtiere

Lothar Heinke

Der größte Weihnachtsmarkt dreht und bewegt sich auf dem Gelände zwischen den S-Bahnhöfen Alexanderplatz und Jannowitzbrücke. Aus der Höhe des Fernsehturms sieht man einen langen Streifen voll zuckender Lichterbündel und rotierender Blitze, aus den Fenstern der vorbeifahrenden S-Bahn will das bunte Gelände rings um einen wohl proportionierten Weihnachtsbaum kein Ende nehmen, und wenn du vor dem Eingangstor stehst, überkommt dich kindliche Neugier auf das große Geheimnisvolle: Was erleben wir diesmal? Wo ist hier Weihnachten? Was suchen wir eigentlich?

Suchen wir doch mal keine Pfefferkuchenherzen, Engelsgeschöpfe, Thüringer Brat- und Schlackwürste oder Glühweinstände - nein, suchen wir doch einfach mal die Vergangenheit. Dieser, um es gleich vorweg zu sagen, prächtige Weihnachtsmarkt hat ja seine Vorgänger in anderer Zeit, als Engel von irgendwelchen Dummköpfen "Jahresendfigur mit Flügeln" genannt und "Stille Nacht" als konterrevolutionärer Angriff auf die Tränendrüsen des ungläubigen Bürgers eingestuft wurde. Trotzdem oder gerade deshalb traf sich die halbe DDR an den lebendigen Märchenfiguren rund um den Baum, und ARD wie ZDF berichteten vom "größten Weihnachtsmarkt der DDR am Alexanderplatz".

Woran erinnern wir uns? Natürlich an das Pionier-Bastelzentrum, dieses Zelt der Überraschungen, in denen die Kinder ihren Eltern etwas sägten, brannten, malten. Oder Eis. Mitten im Winter Eis. Ich glaube, zu jeder vollen Stunde erklang ein Meißner Glockenspiel. In einer kleinen Holzhütte saßen Weihnachtsmänner für das Erinnerungsfoto - dieser Job in Rot-Weiß war für den Fotografen einträglich, weil man es hier mit einem Anachronismus zu tun hatte: Privatunternehmerische Weihnachtsmänner im Sozialismus? Es gab Ponys, die immerzu im Kreise liefen, veraltete oder aus dem Westen als Schenkung importierte Fahrgeschäfte, am Fischstand gab es keine Aaale, keine Christbaumkugeln oder gebrannte Mandeln auch nicht gegenüber, aber dazwischen Schießbuden und das "Ringewerfen", bei dem eine Rotkäppchen-Piccolo zu gewinnen war. Der Handel hatte Schallplatten, Stereo-Anlagen, Hausschuhe, Mützen, Schals, Kochtöpfe, Los-Krimskrams, Kartoffelpuffer, Goldbroiler, es war wirklich allerlei los. "Aber Plüschtiere? Nicht eins!"

Unser Gedächtnisinspirator ist ein Mann, der das alles auf dem Alex-Markt miterlebt hat, anfangs, 1978, aus der Perspektive seiner Schießbude, später als Betreiber von Spielautomaten, ein "Privater", umzingelt von Konsum und HO, die damals das Gros der Verkaufsbuden stellten. Heute ist Hans-Dieter Laubinger der Veranstalter des Weihnachtsmarkts. 250 Gewerbetreibende hat er dies Jahr an den Alex gelotst, denn hier wird auch mit Tradition Umsatz gemacht. Ja, ein kleines Bastelhäuschen ist wieder da, 30 Quadratmeter gegen 3000 damals, aber wer kann heute so einfach mal 80 Lehrerstudenten ins Bastelzentrum delegieren? Den Kindersuchdienst hat Herr Laubinger wieder dabei, Märchen-Figuren und Märchen-Erzähler, eine Bühne, auch christliches Liedgut, endlich die Plüschtiere und jede Art von "Volkskunst mit Herz" aus dem Erzgebirg.

Der Weihnachtsmarkt von heute ist nicht größer, aber reichhaltiger. Mit seinem Charme ist er Ganz-Deutsch: Da steht ein gemütliches "Original Schwarzwaldhaus aus dem Glottertal, der Heimat der Schwarzwald-Klinik". Drinnen: Badische Weine, Bayerische Stamperl, Rheinischen Sauerbraten, Berliner Eisbein. Der Original-Wiener Kellner hat Germknödel mitgebracht, und das Ganze gehört einem Duisburger Gastronomen. Aus DDR-Zeiten gibt es noch den Märchenerzähler und eine Ringewerferbude. Die Augen der Kinder glänzen heute wie damals und immer.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben