Berlin : Endlich richtig angekommen

Vor einem Jahr sollte die kleine Türkin Elif abgeschoben werden – jetzt haben die Ämter ihren Aufenthalt in Berlin anerkannt

Claudia Keller

Die kleine Elif empfängt den Besucher an der Tür mit breitem Grinsen und zieht ihn zu den vielen Büchern ins Kinderzimmer. „Ich lese so gern“, sagt sie. Es geht ihr sichtlich gut dabei. Ein Jahr ist es her, dass die Ausländerbehörde die Achtjährige abschieben wollte. Der Fall empörte damals sehr viele Berliner. Durch ihren Druck und das Geschick eines Anwalts konnte Elif bleiben. Aber erst vor wenigen Tagen wurde das letzte juristische Hindernis ausgeräumt.

Elif kam vor vier Jahren mit einem Touristenvisum nach Berlin, nachdem sie 1999 bei dem Erdbeben in der Türkei ihre Mutter verloren hatte. Sie selbst hatte nur deshalb überlebt, weil ihr Kleiderschrank so auf die Bettkante gestürzt war, dass darunter ein Hohlraum entstand. Dort kauerte das Kind zwei Tage und zwei Nächte, dann wurde es gefunden.

In Berlin sorgen ihr Onkel und ihre Tante für Elif. Sie leben seit dreißig Jahren in der Stadt. Nachdem das Touristenvisum des Mädchens abgelaufen war, lebte es hier nur noch im unsicheren Status der Duldung. Anfang Januar 2003 sollte Elif der Ausländerbehörde das Flugticket nach Istanbul vorlegen, einen Tag später ausreisen. Ihr Onkel hatte das Ticket schon gekauft. Doch der Anwalt der Familie und der Druck der Öffentlichkeit verhinderten die Abschiebung. Onkel und Tante adoptierten das Mädchen kurz darauf vor einem Gericht in der Türkei. Seitdem gehört sie zur Familie und hat deshalb eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung bekommen.

Die deutschen Behörden haben die in der Türkei genehmigte Adoption allerdings erst jetzt anerkannt – ein dreiviertel Jahr später. Nun ist Elifs Aufenthalt in Berlin auch formal gesichert. „Das wollen wir groß feiern“, sagt Ilyas Yontar, Elifs Onkel und Adoptivvater. Er zeigt stolz den Brief vom Amtsgericht Schöneberg, der die Anerkennung dokumentiert. Jetzt heißt Elif auch nicht mehr Hergünöz, sondern Yontar.

„Die Anerkennung der Adoption war eine komplizierte Sache“, sagt Elifs Anwalt Dietrich Wolf. In Deutschland gelte das Haager Adoptionsabkommen, das bei internationalen Adoptionen Kinder vor Kinderhandel schützen soll. Dem sei die Türkei aber nicht beigetreten. Außerdem musste der Generalbundesanwalt zustimmen.

Elif ist jetzt neun Jahre alt und geht in die vierte Klasse. Sie habe viele Freundinnen und sei eine der Besten in der Schule, sagt ihr Adoptivvater. Dass es dem Mädchen so gut geht, liegt auch daran, dass sie ein Jahr lang zusammen mit einer Therapeutin den Schock nach dem Erdbeben bewältigt hat. Allerdings hätten die Bilder von dem Erdbeben im iranischen Bam böse Erinnerungen geweckt, sagt Adoptivvater Ilyas Yontar.

Zweimal konnte Elif im vergangenen Jahr ihren leiblichen Vater in der Türkei besuchen. Er lebt 150 Kilometer östlich von Istanbul auch mehr als vier Jahre nach dem Erdbeben noch in einer Notunterkunft. Er freut sich, dass seine Tochter adoptiert ist und in Sicherheit lebt. Er könnte sich nicht um sie kümmern. „Ich war sehr traurig, als ich Papa wieder verlassen musste“, sagt Elif, „aber ich telefoniere jede Woche mit ihm.“ Und jetzt hat sie ja auch hier einen „Papa“.

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