Berlin : Endlich wieder Gedränge vor den Ladentüren

Kaufhäuser mit SSV-Auftakt weitgehend zufrieden: Kunden kaufen – am liebsten aber zu Billigpreisen

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„Die Kunden kaufen.“ Detlef Steffens, Geschäftsführer im Kaufhof am Alexanderplatz fühlte sich morgens um acht in frühere Schlussverkauf-Jahre zurückversetzt, als das Gedränge noch zum SSV-Auftakt gehörte. Hunderte hätten vor der Tür gestanden, und bis zehn Uhr sei es dann richtig eng geworden, sagt Steffens. Allerdings blieb die Kauflust auf niedrigem Preisniveau: Besonders beliebt seien Markenartikel für 10 bis 25 Euro. So war es auch bei Karstadt am Hermannplatz. Die 1000 Herren-Kurzarm-Hemden, die dort an den kühlen Sommertagen im Lager liegen blieben, kosten jetzt 4,95 statt 19,95 Euro – und gehen endlich weg.

Volker Pesarese dagegen spazierte mittags durch sein Haus, und was er sah, gefiel ihm gar nicht: Keine Menschentrauben an den Tischen mit den Super-Sonderposten, sondern zurückhaltende Kunden, die gezielt auf Schnäppchensuche gehen. Bei Wertheim am Ku’damm, sagt der enttäuschte Geschäftsführer, sei es am ersten Tag „bedingt durch die Hitze eher normal voll“ gewesen.

Ein paar hundert Meter weiter sah man den SSV-Auftakt ganz anders. Das Haus sei voll mit „Kunden und Mitarbeitern in strahlender Laune“, sagt Kadewe-Sprecherin Dagmar Flade. Sie verrät eine Erfolgsformel: „Wenn ein Armani-Anzug von 799 auf 399 Euro herabgesetzt ist, kann man nicht daran vorbeigehen.“ Es gebe aber auch Schnäppchen wie Joop-Damenhandtaschen für 50 statt vorher 279 Euro. Und eine Kollegin habe sogar ein Damen-Top für 1,99 Euro gesichtet. Den Schlussverkauf abschaffen, wie es jetzt die Justizministerin vorschlug? Auf keinen Fall, heißt es im Kadewe: Es werde Ende Juli immer Restposten modischer Saisonware geben, die aus dem Lager müssten, um Platz zu machen für die neuen Kollektionen. Daran könnten auch Frühsommer-Rabatte von 30 Prozent nichts ändern. Außerdem habe der SSV einen „Erlebnischarakter“, den man den Kunden nicht nehmen wolle, auch wenn sie die Branche „mit deutlicher Konsumzurückhaltung in ein tiefes Tal der Tränen“ trieben. Am Nachmittag sank das Gute-Laune-Barometer am Tauenzien wieder. Der erwartete zweite Ansturm der Berufstätigen sei ausgeblieben, sagt Dagmar Flade. Die Leute seien offenbar lieber ins Strandbad statt ins Kaufhaus gegangen – auch ohne die neue Badehose.

Damit der SSV das flaue Frühjahrs- und Sommergeschäft mit Umsatzeinbußen knapp unter zehn Prozent wettmachen könne, brauche ein Kaufhaus „viel Publikum auf breiter Front“, sagt Wertheim-Chef Pesarese. Muss man die Preise noch einmal senken, um die Berliner anzulocken? Nein, sagt Volker Pesarese. Generelle 50 Prozent-Nachlässe und einzelne Spitzen-Rabatte habe er schon richtig kalkuliert. „Wir standen unter großem Druck, wir mussten weiter runtergehen als letztes Jahr.“ Der Sprecher des Einzelhandelsverbandes, Jan Holzweißig, macht den Geschäften Mut. Zum Auftakt hätten viele Modehäuser „bis zu 50 Prozent mehr SSV-Kunden“ als im Vorjahr gezählt.

Ein Preis-Vergleich zu 2001 aber zeigt: Bei Hemden, Hosen und Unterwäsche liegen die Nachlässe oft unter denen vom letzten Jahr. Statt 10 DM (5,11 Euro) für Damen-Wäsche oder Herrenhemden fordert ein Kaufhaus jetzt 7 Euro (13,69 DM) für vergleichbare Artikel. Auch bei einem Herrenausstatter sind Markenshirts teurer geworden: 39,90 Euro (78,40 DM) in diesem Sommer statt 69,90 DM (35,74 Euro) im Juli 2001. -ry/kvm

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