Berlin : Endlich wieder mobil

Begleitservice des Verkehrsverbundes für Menschen mit Handicaps ist gerettet – für zwei Jahre.

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Ohne sie geht’s nicht. Die Helfer vom VBB-Begleitservice stehen bereit, wenn es mit der Mobilität nicht mehr so recht klappt. Foto: Doris Spiekermann-Klaas
Ohne sie geht’s nicht. Die Helfer vom VBB-Begleitservice stehen bereit, wenn es mit der Mobilität nicht mehr so recht klappt....

Berlin - Ohne Hilfe traute sich die alte Frau nicht mehr auf die Straße. Und erst recht nicht mehr in Bahnen und Busse. Drei Jahre hatte sie deshalb ihre Wohnung nicht verlassen. Bis Jürgen Wecker kam. Er begleitete sie nach draußen – und die Frau blühte wieder richtig auf, wie Wecker berichtet. Er gehört zum Bus- & Bahn-Begleitservice des Verkehrsverbundes Berlin-Brandenburg (VBB), der nach einer Zwangspause im Sommer nun seine Arbeit zwei Jahre lang fortsetzen kann.

Geänderte Rahmenbedingungen des Bundes bei der Förderung auch dieses Projekts habe zum zwischenzeitlichen Aus des Projekts geführt, sagte Arbeitssenatorin Dilek Kolat (SPD) am Mittwoch. Sie habe dann erfolgreich ein anderes Bundesprogramm angezapft – das neue Projekt zur Förderung von Arbeitsverhältnissen, FAV genannt. Es lasse auch den Begleitservice wieder zu.

75 Prozent der Kosten übernimmt dabei der Bund, den Rest steuert das Land bei. Die Mitarbeiter erhalten den Mindestlohn in Höhe von 7,50 Euro und dürfen nur 30 Stunden in der Woche arbeiten. Damit kommen die ehemals meist Langzeitarbeitslosen auf knapp 1000 Euro im Monat. Zum Teil müssen sie ihr Einkommen aufstocken.

Trotzdem seien sie motiviert, sagen Fahrgäste, die den Service bisher in Anspruch genommen haben. Über 43 000 Mal sei der im Oktober 2008 eingeführte Dienst bisher beantragt worden, sagte VBB-Chef Hans-Werner Franz, der sich wie Kolat stark für das Fortsetzen dieses Angebots eingesetzt hatte. Keine einzige Beschwerde über die Mitarbeiter habe es dabei gegeben. Dies sei auch eine Bestätigung für die gute Schulung, bei der die Begleiter den Umgang mit Menschen, die Hilfe brauchen, lernen, aber auch Kenntnisse über den Nahverkehr erwerben müssen.

Rund 12 000 Mal haben die Mitarbeiter bisher nach Angaben von Franz Rollstuhlfahrer begleitet; etwa 10 000 Mal halfen sie Fahrgästen, die mit einem Rollator unterwegs sind, und knapp 10 000 Mal führten sie Blinde ans Ziel. Gerade sie benötigten oft Hilfe, weil es nur auf neueren Stationen und in modernen Fahrzeugen Informationen in Blindenschrift gebe. Häufig fühlten sich vor allem ältere Menschen auch einfach unsicher im Nahverkehr und wollten deshalb nicht allein in Bahnen oder Busse steigen, sagte Franz weiter.

Der jüngste Kunde sei zehn Jahre alt gewesen, die älteste Frau hatte schon 104 erreicht, sagte Franz. Und sie sei so sportlich, dass er manchmal schon leichte Probleme habe, der Frau zu folgen, so schnell eile sie mit ihrem Rollator davon, sagte Wecker und schmunzelte. Er selbst geht nächstes Jahr in Rente.

Noch läuft der Service nicht auf vollen Touren. Nach dem vorläufigen Auslaufen des Projekts und dem Ausscheiden der damaligen Mitarbeiter sind jetzt erst wieder 36 Begleiter im Einsatz; 100 sollen es bis zum Herbst werden. Dann können Fahrgäste auch wieder an Wochenenden begleitet werden, was derzeit nicht geht. Jetzt sind Begleitfahrten nur werktags zwischen 7 Uhr und 20 Uhr möglich.

So sehr der Service von allen Seiten gelobt wird – in zwei Jahren läuft auch dieses Programm aus. Kolat will dann versuchen, erneut andere Fördertöpfe zu finden. Eine Dauerfinanzierung aus Landesmitteln gibt nicht.

Wer sich begleiten lassen will, muss sich spätestens am Vortag werktags zwischen 9 Uhr und 16 Uhr anmelden – telefonisch unter der Telefonnummer 34 64 99 40 oder unter www.vbb.de/begleitservice.

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