Berlin : Endspurt in Panik

Tausende kaufen erst heute die Geschenke Experte spricht von „gewissem Unmut“

Christian van Lessen

Geschenk-Blockaden? Eigentlich darf er die gar nicht kennen. Aber Berlins Einzelhandelschef war bisher auch einer, der Geschenke auf den letzten Drücker kaufte. Also spätestens heute. So weiß Nils Busch-Petersen nur zu gut Bescheid über die Last-Minute-Leiden vorm Fest.

Aber freuen kann sich heute noch mal der Handel. Letzte große Umsätze winken, wenn es Tausende, vorwiegend männlichen Geschlechts, verzweifelt in die Läden und Kaufhäuser treibt. Nur um in Hast und Eile zu kaufen, was noch übrig geblieben ist. Wieder mal riskieren die Unglücklichen, dass die schnell gesuchte Ware nicht gefällt, sich die Stimmung der Beschenkten verdüstert, das Geschenk schnell umgetauscht wird.

Die Panik vorm Weihnachtseinkauf, das permanente Aufschieben, oft mit Anspannung im Beruf begründet, ist ein internationales Problem, vor allem ein männliches. Der Londoner Psychologe David Lewis erregte Aufsehen, als er ergründete, dass der Einkaufsstress zu Weihnachten für Männer gesundheitsschädlich sei. Zu regelrechten Blockaden, Lähmungen im Kopf führt. Betrachten Frauen das Geschenkekaufen als Erlebnis, sehen die meisten Männer darin pure Pflichterfüllung, fand Lewis heraus. Sein Berliner Kollege Friedrich Rost, der über die Theorie des Schenkens promoviert hat, zählt sich zur Kategorie der Spät-Schenker. In diesem Jahr aber hat er erstmals ein Weihnachtsgeschenk im August besorgt, eine Art Selbstherapie.

Rost sagt, das Hauptproblem sei für die Betroffenen ein „gewisser Unmut“, dass oft so viele Menschen zu beschenken sind. Es fehle die Entschlussfreude, das Schenken „anzugehen“. Dazu kommt die Panik, sich nicht vorstellen zu können, was überhaupt verschenkt werden kann, was überhaupt zum Beschenkten passt. Aus purer Verzweiflung wird oft gar nichts gekauft. Dann sollte es, so der Fachmann, doch schon lieber ein Gut- oder gar bloßer Geldschein sein.

„Ich kenne jede Menge Familien, die haben das Schenken abgeschaffft“, sagt Rost, und das klingt nicht bedauernd. Das Verweigern stammt aus den revolutionären 68er Zeiten. Doch Ausnahmen werden bei Kindern und Enkelkindern gemacht. Für sie sind Geschenke, so klein sie auch ausfallen, das Größte am Fest.

Rost empfiehlt, über Geschenke früher nachzudenken, gezielt zu kaufen. Er weiß, dass dieser Rat in den meisten Blockade-Fällen ein frommer Wunsch bleibt. Gegen die Furcht vorm Einkaufsgetümmel im nächsten Jahr rät er zum Internet. Er selbst habe sich „äußerst bequem“ Bücher und CDs als Geschenke bestellt und ins Haus kommen lassen. Ein Weg, der Nils Busch-Petersen als Privatmann angenehm, als Geschäftsführer des Einzelhandsverbandes vermutlich weniger sympathisch sein dürfte.

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