Berlin : Endspurt vor der Wahl: Irgendwer beschwert sich eben immer

Jörg-Peter Rau

Auch der hundertzwanzigste Anrufer kann Andreas Schmidt von Puskàs nicht aus der Ruhe bringen. Sehr gelassen erklärt er, dass schon mehr als 200 000 Berliner einen Antrag auf Briefwahl gestellt hätten. Dass vor allem in den Bezirksämtern Steglitz-Zehlendorf und Tempelhof-Schöneberg mehr oder weniger rund um die Uhr gearbeitet werde. Und dass er natürlich großen Wert darauf lege, dass jede Bürgerin und jeder Bürger wähle, wählen könne, "Mitbestimmung ausübt". So etwas muss Andreas Schmidt von Puskàs gewissermaßen von Amts wegen sagen: Zum ersten Mal nach fast 20 Jahren als Stellvertreter ist der 58-Jährige am Sonntag der Landeswahlleiter.

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Darum rufen auch immer wieder verärgerte Bürger bei ihm an und fordern ihn auf, etwas gegen die infamen Wahlplakate der NPD zu unternehmen. Wenn Schmidt von Puskàs, der altgediente Verfassungsjurist, die Anrufer dann nur auf die Staatswanwaltschaft verweist, liegt das nicht daran, dass er ein unpolitischer Mensch ist. Aber der Mann, der am spät Sonntagabend im Abgeordnetenhaus das vorläufige amtliche Endergebnis vortragen wird, bezeichnet sich als "bewusst und absichtlich neutral." Der Verwaltungsrechtler in ihm sagt: "Wer die formalen Kriterien erfüllt, muss zur Wahl zugelassen werden." Und aus der Art, wie er die Bezeichnung "Friedrichshainer Amorphe Zentralisten" ausspricht, kann ihm ja keiner einen Strick drehen.

Vielleicht ist es ein bisschen so wie 1967 an der FU: Trauerzug für Benno Ohnesorg ja, Barrikaden nein. Und als seine Kinder alt genug waren, engagierte er sich in der Kinderladen-Bewegung, "aber eher im Hintergrund." Querdenken und Unangepasstsein ist dem Flüchtlingskind und Pfarrerssohn ebenso vertraut wie ständiges Beobachtetwerden. Wenn er etwas sagt, hören genug Verlierer genau zu, ob sie daraus nicht einen Grund für eine Anfechtung machen könnten.

Weil er das weiß, ist er vielleicht auch so stolz auf die letzte Großtat vor der Hektik mit der überraschenden Neuwahl. "Wir hatten keine rechtlichen Probleme mit der Bezirksfusion", sagt er - Schmidt von Puskàs hatte am juristischen Teil des Unternehmens erheblichen Anteil. Am Sonntag wird er allerdings nicht in der Senatsverwaltung für Inneres wirken, sondern im Statistischen Landesamt in Friedrichsfelde.

Auf dem Weg wird er mehrere Wahllokale besuchen - nicht zur Kontrolle, sondern um einigen der rund 23 000 Wahlhelfer zu gratulieren, die an ihrem Geburtstag freiwillig Dienst schieben. Dann um zwölf ein erstes Statement über die bisherige Wahlbeteiligung: "Bei herrlicher Herbstsonne ... / bei trübem Wetter ... / bei nasskalter Witterung ...", parodiert er sich und den Ton der zu erwartenden Erklärung selbst. Der Humor hilft ihm darüber hinweg, dass er sich eigentlich auf einen ruhigen Sommer gefreut hatte. Und auch im nächsten Jahr wird es nichts mit dem Radfahren durch märkisches Land, da laufen die Vorbereitungen für die Bundestagswahl auf Hochtouren.

So wird er auch froh sein, wenn um den 7. November herum das amtliche Endergebnis festgestellt ist und er sich wieder mit Datenschutz, Beamtenrecht und dem Kompetenzgerangel zwischen Senat und Bezirken befasst. Dann rufen wenigstens keine Briefwähler mehr an. "Aber diejenigen, die sich beschweren, haben natürlich ein Recht darauf, und mir ist das lieber als vollkommene Teilnahmslosigkeit", sagt Schmidt von Puskàs gelassen. Und die Sonderschichten in vielen Bezirksämtern nehmen ihm sowieso nur die wenigsten ab.

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