Berlin : Endstation Tomate

Der Unmut und die Gewaltbereitschaft der Studenten wachsen. Eine Radikalisierung der Proteste würde sie aber Sympathien kosten

Claudia Keller

Die Proteste der Studenten, die bislang wie eine große Party wirkten, beginnen sich zu radikalisieren. Immer mehr Studenten sind sauer, dass außer Wissenschaftssenator Thomas Flierl (PDS) kein Politiker mit ihnen spricht. Deshalb gibt es immer mehr, die sich härtere Protestformen wünschen. Organisatoren der Demonstrationen sagen, dass es nicht nur an einigen linken Autonomen liegt, dass es wie am Donnerstag zu Zusammenstößen mit der Polizei kommt. Auch unter den Studenten nehme die Gewaltbereitschaft zu. Gleichzeitig sorgen sich die Veranstalter, dass eine Radikalisierung die Studenten Sympathiepunkte kosten könnte. Im Moment stehen die Universitätsleitungen und eine große Mehrheit der Berliner hinter ihnen.

„Der Unmut wächst, weil man so wenig Gehör findet bei den Politikern“, sagt Max Schoengen. Er organisiert die Samstags-Demos. „Die Studenten fühlen sich nicht ernst genommen, wenn Wowereit sagt, dass er die Forderungen verstehe, an ihrer Stelle auch demonstrieren würde, die Proteste ansonsten aber sinnlos seien.“ Deshalb gebe es mittlerweile etliche Studenten, die sagen: „Wir klopfen seit vier Wochen an die Türen, irgendwann treten wir sie ein.“

Die Mehrheit der Studenten distanziere sich nach wie vor von den gewaltbereiten Gruppen, sagt Anna-Lena von Hodenberg vom Streikbüro der FU. Ein Dilemma sei aber, dass radikale Mittel am wirksamsten seien, um die Öffentlichkeit zu erreichen. Das habe sich bei der Besetzung der Senatorenbüros gezeigt. „Das müssen wir wohl leider anwenden, um überhaupt wahrgenommen zu werden.“ Von Hodenberg fürchtet, „dass diese Mittel aus dem Ruder laufen“. Denn man könne den gewaltbereiten Gruppen nichts vorschreiben, man könne auch nicht verhindern, dass sich Radikale von außen darunter mischen.“

Peter Hartig vom Aktionsrat der Humboldt-Universität würde sich „von niemandem distanzieren, der an den Protesten teilnimmt.“ Dass es am Donnerstag vor dem Hotel Maritim zu den Auseinandersetzungen mit der Polizei gekommen ist, habe nicht an den Studenten gelegen, sondern „an einigen Polizisten, die sehr nervös gewesen“ seien. Die Polizisten hatten die Studenten mit Pfefferspray daran gehindert, das Gebäude zu stürmen, in dem Arbeitgeberverbände tagten. Daraufhin warfen die Demonstranten mit Eiern und Tomaten. Unter den Studenten waren auch Mitglieder des autonomen Bündnisses „Berlin umsonst“. Hartig hält das für legitim, schließlich kämpfe das Bündnis wie die Studenten gegen die Sparbeschlüsse.

Max Schoengen will versuchen, die radikaleren Gruppen von der Groß-Demo am heutigen Samstag wegzulenken, er fürchtet, dass sonst das Verständnis der Berliner und der Medien bröckeln könnte.

Unbegründet ist die Sorge nicht. Die Unileitungen jedenfalls würden den Protestierenden die Unterstützung verweigern. „In dem Augenblick, wo es gewaltsame Aktionen gibt, kann sich die Unileitung nicht mehr hinter die Studenten stellen“, sagt TU-Sprecherin Kristina Zerges. Auch die Zustimmung vieler PDS-Abgeordneten könnten die Studenten verspielen. „Dass wir mit den Studenten diskutieren, setzt voraus, dass es eine Offenheit auf beiden Seiten gibt“, sagt ihr haushaltspolitischer Sprecher Carl Wechselberg. Eine solche Diskussion führe man mit Argumenten und nicht mit Eiern und Tomaten.

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