Energetische Sanierung : Champagner im Märkischen Viertel

Zufriedene Mieter und neue Nachbarn: Die energetische Sanierung tut der Hochhaus-Siedlung offenbar gut. Ein bisschen gemeckert wird trotzdem.

Werner Kurzlechner

Zufriedenheit auf Berliner Art, das ist Perlwein und ein bisschen Gemecker: Der Rundgang durchs Märkische Viertel am Mittwoch verschafft Klaus Wowereit (SPD) einen vielfältigen Einblick in die Gefühlswelten von Gesobau-Mietern, die schon in modernisierten Wohnungen leben. Das Gemecker ist sogar charmant verpackt. Ganz nah rutscht die Frau auf der Bank im Einkaufszentrum an den Regierenden Bürgermeister heran, juxt, lacht und bezirzt ihn dann. 60 Euro Miete mehr müsse sie jetzt im Monat für ihre neue Wohnung bezahlen, dabei sei die drei Quadratmeter kleiner als die alte, und den Abfall müsse sie selber nach unten tragen, statt ihn wie früher bequem im Müllschlucker zu entsorgen. Das sei doch nicht richtig, meint die Frau. Wowereit widersteht der Umgarnung. Die Müllschlucker seien unhygienisch gewesen. „Und die Sanierung ist wichtig, damit die Akzeptanz der Mieter erhalten bleibt“, sagt der Regierende.

Das scheint zu gelingen, die Gesobau jedenfalls wähnt sich im Einvernehmen mit ihren Mietern. Für rund 440 Millionen Euro bringt das Wohnungsunternehmen bis 2015 mehr als 13 000 Wohnungen im Norden Berlins in Schuss. „Es ist deutschlandweit das größte derartige Projekt“, sagt Gesobau-Vorstand Jörg Franzen. Weil an Fassaden, Heizungen und Fenstern seit Errichtung der Wohntürme in den 1960er Jahren nicht viel passiert ist, waren die Nebenkosten bislang exorbitant. Durch die energetische Sanierung sinkt dieser Posten drastisch, was die Erhöhung der Kaltmiete zumeist halbwegs ausgleicht. Gesobau-Geschäftsbereichsleiter Ulf Lennermann rechnet für einen Teil der bereits fertigen Wohnungen vor: Betriebskosten von vier Euro auf 2,85 Euro je Quadratmeter runter, Kaltmiete von vier auf 5,50 Euro rauf. 2300 Wohnungen seien saniert, 3600 weitere voraussichtlich bis Mitte nächsten Jahres bezugsfertig. „Wir liegen wirtschaftlich und terminlich voll im Plan“, sagt Lennermann. Der CO2-Ausstoß in den Wohnungen halbiert sich laut Gesobau von 40 000 auf 17 000 Tonnen jährlich.

„Es ist okay, wir sind zufrieden“, versichert ein Ehepaar dem Regierenden beim kurzen Plausch. Wowereit weiß, dass das in Berlin als „tolles Lob“ zu deuten sei. Die beiden widersprechen nicht, murren aber über die lange dauernde Belästigung durch Lärm und Gerüste. Älteren, kranken und schwangeren Mietern ermöglicht die Gesobau den Umzug in bereits fertige Wohnungen, um von den Umbauarbeiten verschont zu bleiben. Die Hälfte der Mieter in den modernisierten Wohnungen sind ohnehin Neuankömmlinge. „Durch die Sanierung wird das Märkische Viertel attraktiv für Menschen aus ganz Berlin“, freut sich Reinickendorfs Bezirksbürgermeister Frank Balzer (CDU). Vor zwei Jahren fürchtete er noch, der Kiez könne wegen Leerstand und eines steigenden Anteils von Hartz-IV-Empfängern kippen.

Bewohner wie Abdelkrim Laidi nehmen ihm diese Sorge. Der aus Algerien stammende Diplomat empfängt Wowereit mit Champagner in seiner hellen Wohnung. Warum er mit seiner Familie ins Märkische Viertel gezogen sei, fragt Wowereit. Seine Kinder sollten in Laufweite der deutsch-französischen Märkischen Grundschule aufwachsen, antwortet Laidi im feinen Anzug. „Dann kann die Krawatte jetzt ab“, sagt Wowereit zum Abschied und trinkt aus. Schließlich braucht das Viertel Mieter, die sich wohlfühlen.

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