Engagement für Berlin : Liebt diese Stadt!

... denn wer tut es sonst? Busse, Bahnen, Baustellen: Berlin wird regiert von einer allmächtigen Unzuständigkeit. Die Bürger sind den Behörden meist lästig – aber wenn es brenzlig wird, sollen sie mitmachen. Und das sollten sie auch.

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Ein Herz für Berlin: Manches ist unerträglich und trotzdem lieben die Berliner ihre Stadt. Foto: dpa
Ein Herz für Berlin: Manches ist unerträglich und trotzdem lieben die Berliner ihre Stadt.Foto: dpa

Von meinem Bürofenster aus kann ich zum Solar hochschauen, Bar, Club, Restaurant mit fantastischem Blick über die Stadt; oder nach unten zu der Baustelle hin, die den üblichen, für Berlin typischen Anblick bietet: akkurat eingezäunt, belebt nur bei ihrer Eröffnung, seitdem verwaiste Insel im trägen Fluss des Verkehrs. Hinter der rot-weißen Absperrung ist kein Arbeiter zu sehen, heute nicht, gestern nicht, wann zuletzt, weiß niemand zu sagen.

Das schöne Solar residiert im 17. Stock eines der hässlichsten Häuser der Stadt, ein blanker Riegel, aus dessen Fenstern manchmal etwas Wäsche hängt, und den gerade der Milliardär Nicolas Berggruen erworben hat. Der hässlichen Baustelle gegenüber liegt eine der schönsten Zeitungen der Stadt, an deren Ausgang wiederum direkt eine Treppe zur S-Bahn führt, Station Anhalter Bahnhof. Hier lässt sich bestens beobachten, was der Sprecher der Berliner Verkehrsbetriebe für den „Lifestyle“ dieser Stadt hält: Menschen mit geöffneten Bierflaschen in der Hand, morgens, mittags, abends, nachts. Ist das ein Problem, ist das ein Thema? In jedem Fall ein Symptom. Aber weniger für die Verwahrlosung Berlins als vielmehr für die seiner Institutionen.

Als der Hamburger Verkehrsverbund ankündigte, das Trinken von Alkohol in Bussen und Bahnen nicht nur zu verbieten, sondern das auch zu kontrollieren und Verstöße zu sanktionieren, erklärte die BVG dies für unübertragbar auf Berlin. Von einem solchen Verbot halte man nichts, hieß es, und: „Die Flasche Bier oder anderes gehört in Berlin zum Lifestyle.“ Man mag über Sinn und Unsinn eines solchen Verbotes streiten. Was man indes nicht bestreiten kann, ist der Paragraf 4 Absatz 2 der Beförderungsbedingungen der BVG, in dem es unmissverständlich heißt: „Fahrgästen ist insbesondere untersagt, die Verkehrsmittel mit offenen Speisen und offenen Getränken zu betreten bzw. diese während der Fahrt zu konsumieren.“ Es ist also bereits verboten, was nicht verboten werden soll. Und wer vorher getrunken hat und dann für andere gefährlich wird, für den führt seit langem schon Paragraf 3 Absatz 2 zum Ausschluss der Beförderung. Eigentlich. Aber wir sind in Berlin, da gehört das, amtlich beglaubigt, zum Lifestyle: „die Flasche Bier oder anderes“ eben. So wie Schienenersatzverkehr und unfreundliche Busfahrer.

Manches in dieser Stadt ist nur schwer zu ertragen - zum Beispiel Wowereits Patzigkeit. Lesen Sie weiter auf der nächsten Seite.

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