Berlin : Engagierte Mittler

Sie sind Migranten. In ihrer zweiten Heimat Berlin bauen sie Brücken – zwischen Türken und Deutschen

Daniela Martens

Sie stammen aus der Türkei – und sind in Deutschland etabliert. Und sie sind engagiert. Etwa 250 Mitglieder von türkischen Vereinen und Gemeinden beschäftigen sich beim Bundeskongress der Türkischen Gemeinde Deutschland an diesem Wochenende in Berlin mit dem Thema „Bildung: Zukunft unserer Kinder – Reichtum unseres Landes“. Mit dabei: 21 Vereine, die zum Dachverband „Türkischer Bund Berlin“ gehören. Wir stellen drei Berliner Teilnehmer vor.

Nazan Yildirim hat lange blonde Haare und sehr helle Haut. Man könnte sie glatt für eine Skandinavierin halten. Die 28-jährige Geschichtsstudentin steht kurz vor ihrem Magisterabschluss und engagiert sich für soziale Projekte in einem sozialdemokratischen Studentenverein – als Vorsitzende des „Türkischen Wissenschafts- und Technologiezentrums“. Ihr Quartier ist nicht etwa ein Hightechlabor, sondern eine gemütliche Dachkammer in einer Villa auf dem TU–Gelände: Treffpunkt und Beratungsstelle für Studenten aus verschiedenen Nationen.

Nazan sitzt auf einem hellen Sofa und spricht darüber, wie wichtig ihr freiheitliche Grundsätze sind. Ihr Deutsch ist akzentfrei. „Ich muss mich immer wieder gegen die Vorurteile wehren, der Verein oder ich hätten etwas mit dem islamischen Fundamentalismus zu tun“, sagt sie. „Das verbinden viele Leute automatisch mit dem Wort ,türkisch’, auch hier an der TU.“ Dabei gehe es ihr und ihren Mitstreitern um Integration und darum, Schülern und Studenten zu helfen – vor allem solchen mit Migrationshintergrund aus allen Nationen. Seit 14 Jahren organisiert ihr Verein das Unterrichtsprojekt „Zweite Generation“ für Oberstufenschüler aus Einwandererfamilien. Studenten geben Zusatzunterricht in den meisten Fächern und in kleinen Gruppen. Etwa 180 Schüler nehmen pro Jahr daran teil.

Cumali Kangal stammt aus einer einfachen südtürkischen Familie. Der grauhaarige Mann mit dem eleganten Anzug und dem sorgfältig gestutzten Schnurrbart ist vor 33 Jahren mit 18 nach Deutschland gekommen, um als Mechaniker zu arbeiten. Nach einiger Zeit wurde er in seiner Firma in den Betriebsrat gewählt und ist dort jetzt seit 25 Jahren hauptamtlich tätig. Wie schafft man es, als Einwanderer so erfolgreich anzukommen? „Man muss sich engagieren und für andere einsetzen, dann bekommt man auch etwas zurück“, sagt Kangal mit sanftem Akzent. Einsatz zeigt der zum zweiten Mal verheiratete Kangal auch als Vorsitzender des Türkischen Sportbegegnungszentrums. In dieser Eigenschaft versucht er vor allem, die 29 türkischen Fußballvereine in Berlin in Kontakt mit dem Fußballverband zu bringen – zum Beispiel durch gemeinsame Seminare oder Feste. In den 33 Jahren, die er hier ist, hätten sich seine Wertvorstellungen ganz automatisch geändert. „Heute denke ich über vieles anders als bei meiner Ankunft.“

Ein Mittler zwischen Migranten und der „Mehrheitsgesellschaft“, wie er sie nennt, ist auch Safter Çinar, Vorsitzender des Türkischen Elternvereins und Sprecher des türkischen Bundes. Beim Bundeskongress fungiert er als Tagungsleiter. „Einerseits versuchen wir die Eltern zu erreichen und ihnen klar zu machen, dass Bildung nicht nur eine Sache der Schulen ist und schon in den Kitas anfängt“, sagt der 59-jährige Vater von zwei Töchtern. Auf der anderen Seite wolle er Politik und Mehrheitsgesellschaft die Probleme der „türkischen Community in Berlin“ nahe bringen. Zum Beispiel, dass es ein falsches Signal sei, bei Fehlverhalten mit Ausweisung zu drohen, auch wenn die Migranten schon seit Jahrzehnten in Deutschland seien. In beide Richtungen sei das Vermitteln eine schwierige Aufgabe, sagt der studierte Betriebswirtschaftler. Safter Çinar war Vorsitzender der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft Berlin und bekam 2005 das Bundesverdienstkreuz. Doch wenn er türkischen Einwanderern Ratschläge gibt, ist sein Erfolg manchmal eher ein Nachteil. Dann sagen sie: „Du hast gut reden, du bist etabliert.“

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