Engel der Nacht : Unterwegs mit dem Wärmebus des Roten Kreuzes

Unter Null: Der Wärmebus des Roten Kreuzes fährt täglich bis Mitternacht durch Berlin und hilft Obdachlosen. Wer nicht in eine Kältehilfe-Einrichtung gebracht werden will, wird mit heißem Tee und Decken versorgt.

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Beherzt packen die Männer und Frauen vom Kältebus zu und versuchen zu helfen.
Beherzt packen die Männer und Frauen vom Kältebus zu und versuchen zu helfen.Foto: dapd

Aufmerksam, die Augen unauffällig überall, geht Tanja Winkler mit schnellen Schritten treppauf, treppab durch den U-Bahnhof Hermannplatz. Jetzt kurz nach 19 Uhr ist ihre Suche erfolglos, es ist noch zu früh. Zwar stehen in einer Ecke einige Menschen in abgetragener Kleidung mit Bierflaschen in der Hand zusammen, doch Winkler hat sie bereits mit erfahrenem Blick als nicht-gefährdet eingestuft. „Sie wirken wie kompetente Menschen, die wissen, wo sie essen und schlafen können“, sagt die 30-jährige Studentin der Sozialen Arbeit. Jemanden nicht unnötig als bedürftig zu behandeln und so zu stigmatisieren, ist ein wichtiger Grundsatz ihrer Arbeit.

Seitdem der Wärmebus des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) im Winter 2009 erstmals durch Berlin gefahren ist, ist Winkler dabei. Schlank, blond, mit ihrer sensiblen Art und den warmen Augen wirkt sie wie ein Engel der Nacht. Zurzeit ist sie zweimal die Woche mit dem weißen Kleinbus unterwegs. Er fährt täglich von 18 bis 24 Uhr die Orte an, an denen sich viele der rund 11 000 wohnungslosen Menschen in Berlin oft aufhalten. Die Mitarbeiter folgen auch den telefonischen Hinweisen der Polizei oder von besorgten Berlinern und arbeiten eng mit dem Kältebus der Stadtmission zusammen, der bis nachts um 3 Uhr unterwegs ist. Die Betroffenen werden mit dem Wärmebus zu einer Kältehilfe-Einrichtung gebracht oder, wenn sie das nicht wollen, mit heißem Tee, Kleidung, Schlafsäcken und Decken versorgt.

Wegen des frühen Wintereinbruchs reicht die Zahl der rund 350 vorhandenen Schlafplätze in Berlin längst nicht aus, Diakonie und Senat wollen daher rasch weitere Übernachtungsmöglichkeiten schaffen. So wird nun ein Restaurant für wohnungslose Menschen in Nähe des Ku‘damms montags und dienstags zur Notunterkunft umfunktioniert. Als Reaktion auf die ersten Medienberichte hat sich am Mittwoch in Berlin auch eine Facebook-Gruppe gegründet, um wohnungslose Menschen zu unterstützen. „Die Zahl obdachloser Menschen in Berlin ist im Vergleich zum Vorjahr weiter gestiegen”, sagt Hans-Joachim Fuchs vom DRK. Im Wärmebus fehle es vor allem an neuer langer Unterwäsche und Rucksäcken, damit Wohnungslose tagsüber ihre Kleidung darin transportieren könnten.

An diesen kalten Abenden mit Temperaturen teils unter minus zehn Grad halten sich immer einige Wohnungslose in den U- und S-Bahnhöfen auf, von denen nur drei die ganze Nacht geöffnet sind. Im U-Bahnhof Kottbusser Tor hat Winkler in einer Gruppe von Männern, von denen einige am Methadon-Programm teilnehmen und fast alle eine Wohnung haben, gegen 20 Uhr einen ersten „Kontakt”. Der Mann ist um die 50, nüchtern und gut angezogen, er wirkt schüchtern und in sich gekehrt. In einem längeren Gespräch erfährt Winkler, dass er nach dem plötzlichen Tod seiner Frau seit einigen Monaten wohnungslos ist und zurzeit höchstens nachts mal eine Stunde in einem Internetcafé schläft, indem er sich als Nutzer ausgibt. Davor war er selbständig und hat selbst mit hilfebedürftigen Menschen gearbeitet. Er ist zwar in dieser Nacht nicht bereit, im Wärmebus zu einer Notunterkunft zu fahren, doch am Ende steckt er Winklers Flyer mit Beratungsangeboten sorgfältig in die Jackentasche. „Mehr kann man manchmal leider nicht tun“, sagt Winkler. Die Geschichte sei ihrer Erfahrung nach typisch: Die Mehrzahl der Wohnungslosen sei durch den traumatischen Verlust eines Menschen auf der Straße gelandet.

Etwas später fährt der Wärmebus mit der ehrenamtlichen Helferin Eva Valdeck am Steuer weiter über Berlins verschneite Straßen. Winkler hält Ausschau an der Oberbaumbrücke, am U- und S-Bahnhof Warschauer Straße und auch im Foyer einer Sparkasse, das manchen als Aufwärmplatz dient. Doch an diesem Abend ist hier niemand zu sehen. Anders im Ostbahnhof: Acht Menschen polnischer und russischer Herkunft, darunter zwei Frauen, von denen eine nur noch halb bei Bewusstsein ist, sitzen in einer Ecke auf zwei Bänken. Wodkaflaschen machen die Runde. Die Stimmung schwankt zwischen ausgelassen und aggressiv. Beate aus Polen spricht als einzige Deutsch und sagt, sie sei im vierten Monat schwanger. Ihr linkes Bein ist nach einem Unfall mehrfach gebrochen, am geschwollenen Fuß trägt sie nur Socken. Es kostet Winkler einiges Verhandlungsgeschick, bis Beate bereit ist, sich zusammen mit vier anderen in eine Notunterkunft nach Lichtenberg fahren zu lassen. Im Bus genießen sie die Wärme und die Musik aus dem Radio. „Mach bitte lauter, Tanja”, rufen sie und Beate singt mit. Im Nachtcafé angekommen, wollen sie Winkler nicht gehen lassen. „Wir werden dich nie vergessen”, sagen sie. Doch Winkler muss weiter: Einige Häuser weiter kauert ein Mann im kalten Foyer einer Bank und schläft. Er hält einen Fantasy-Roman fest auf den Knien.

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