Berlin : Engel im Anflug

Wie wird man ein guter Himmelsbote? Sechs junge Akrobaten des „Circus Schatzinsel“ verraten es – in ihrer himmlisch-artistischen Show hoch unter der Kuppel. Und, ja, da fliegen auch mal die Federn.

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Im Zirkushimmel. Malin Oser (links) und Christin Lässig schweben im Kreuzberger Kinder- und Jugendzirkus Schatzinsel am Trapez und Vertikaltuch unter der Zeltkuppel. Gemeinsam mit vier weiteren Luftakrobatinnen spielen sie in einer poetischen Show unternehmungslustige Schutzengel. Foto: Kitty Kleist-Heinrich
Im Zirkushimmel. Malin Oser (links) und Christin Lässig schweben im Kreuzberger Kinder- und Jugendzirkus Schatzinsel am Trapez und...

Plötzlich herrscht himmlische Stille im Zirkuszelt. Vor ein paar Minuten haben zehn junge Kugelläufer und Trampolinspringer von der Kinder-Akrobatikgruppe ihr Training beendet, ihre Rucksäcke vollgestopft und sind nach draußen gerannt. Nun beugen und strecken sich Malin Oser, Christin Lässig und vier weitere Luftartistinnen vom Jugendensemble des Kreuzberger „Circus Schatzinsel“ beim Warm-up im blau leuchtenden Zirkuszelt. Still! Es beginnt die Probe für ihr Weihnachtsstück, das braucht Ruhe und Konzentration. Es geht ums Fliegenlernen. Sechs junge Frauen entziehen sich der Schwerkraft. Sie spielen Himmelsboten, ein vollbeschäftigtes Schutzengel-Sextett, das in der Schule für gefiederte Wesen ein hartes Jobtraining absolviert.

Die 18-jährige Abiturientin Malin klettert mit kraftvollen Zügen das weiße Vertikaltuch hinauf. Die zwei Bahnen des Stoffes wickelt sie raffiniert um Taille und Beine, stürzt sich dann in die Tiefe, wird vom Tuch abgefangen und federt wieder nach oben. Christin, 22, von Beruf Physiotherapeutin, schwingt sich aufs Trapez, balanciert und schaukelt und formt mit ihrem Körper zwischen Holm und Seilen die unterschiedlichsten Figuren. Die anderen schauen gespannt zu, bilden artistische Tanzbilder; ein Mädchen spielt Akkordeon.

Malin Oser war zehn Jahre alt, als sie erstmals ins Zelt des Kinder- und Jugendzirkus am May-Ayim-Ufer neben der Oberbaumbrücke kam und Kunststücke ausprobierte. Sie blieb begeistert dabei, entdeckte „die Freude an der Kombination von Artistik, Tanz und Theaterspiel“. Drei Ausdrucksformen, die nur gemeinsam eine Zirkusschau „so richtig eindrucksvoll machen“, sagen die Betreuer des Zirkus, unter deren Regie 150 Kinder und Jugendliche regelmäßig üben.

Für das Adventsstück „Unter Engeln“ haben die Akrobatiklehrer Anja Häusser und Joachim Scheffler in die Bilderbuch-Kiste gegriffen. „Opas Engel“ heißt eine Geschichte, in der ein Himmelswesen einen kleinen Jungen beschützt. Die sechs Darstellerinnen entdeckten sie und machten sich dann gemeinsam Gedanken über Engel. Essen und schlafen die überhaupt? Und was unternehmen die in ihrer Freizeit? Die sechs begannen mit Improvisationen, entwickelten neun Monate lang eine separate Show. Die beginnt in einer Internatsschule, wo alle lernen sollen, gute Schutzengel zu sein. Natürlich müssen sie ihre neu erworbenen Fähigkeiten gleich auf der Erde testen, und das endet nicht immer gut. Da fliegen schon mal die Federn, es gibt keineswegs nur himmlische Gefühle.

Christin Lässig, oben auf dem Trapez, sagt lachend: „Engel sind eigentlich sehr populär. Die gibt es in fast jeder Religion.“ Die meisten Menschen hätten schon Erfahrungen mit den Flügelwesen. „Vielleicht, als sie großes Glück hatten. Oder auch nur durch einen Windzug, der sie in einem stillen Moment berührt hat.“ Sie zieht die Riemen des weiß gefärbten Schulranzens stramm, den sie statt der Flügel auf dem Rücken trägt. Die sechs wollen keine Klischee-Engel sein wie auf Weihnachtskalendern. Ihre Kostüme sind ja auch nicht blütenweiß, sondern leicht angeschmuddelt. Na klar. „Engel“, sagen sie, „sind doch harte Arbeiter!“ Wer im Himmel wohnt, „faulenzt nicht ständig auf einer Wolke“.

Stattdessen geht es in ihrem Stück „ums Fallenlassen und Beschützen, ums Streiten und Zuwenden“. Und um die Erkenntnis, dass mehr erreicht, wer gemeinsam ans Werk geht. Malin lässt sich mit einem Rutsch am Tuch herab. „Man könnte sagen, wir haben den Engel in uns entdeckt. Seit den Proben laufe ich aufmerksamer durch die Welt, und ich bin mutiger geworden.“

Das hat selbst ihr Lehrer Joachim Scheffler beobachtet, als er mit seinen sechs Engeln kürzlich in der Stadt unterwegs war. Da tastete sich ein Blinder über die Straße. „Alle Leute rannten vorbei“, sagt er. Nur seine Mädels, die haben sofort geholfen.

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