Enkel von Mies van der Rohe : "Wir bauen ja keine Städte für das Stadtbild"

Dirk Lohan ist Architekt und Enkel Mies van der Rohes. Im Gespräch erzählt er von Berlin, der Neuen Nationalgalerie und fragt sich, warum der BER noch nicht eröffnet ist.

Michael Graupner
Geboren in Rathenow. Dirk Lohan sollte mal ein Hotel in Schönefeld bauen – doch die Auftraggeber sahen rechtzeitig, dass es am geplanten Großstadtflughafen Probleme gibt.
Geboren in Rathenow. Dirk Lohan sollte mal ein Hotel in Schönefeld bauen – doch die Auftraggeber sahen rechtzeitig, dass es am...Foto: Sven Darmer

Der Potsdamer Platz gefalle ihm gut, sagt Dirk Lohan. Deswegen hat er sich für das schmucklose skandinavische Hotel am Tilla-Durieux-Park als Übernachtungsort entschieden. Aber auch, weil die Neue Nationalgalerie nicht weit ist, dessen Sanierung er als Berater begleitet. Zweimal im Jahr ist Lohan in Berlin, zu Hause ist er in Chicago.

Herr Lohan, warum ist moderne Architektur, gerade auch in Berlin, immer so uniform und langweilig?

Das liegt wohl daran, dass in deutschen Städten die Stadtbauplanung einen großen Einfluss hat. Man bekommt alles vorgegeben, wie und was man zu bauen hat. In Chicago ist das anders. Wenn jemand ein privates Grundstück hat, darf er damit machen, was er will.

Ist die deutsche Städtebauplanung zu kleingeistig?

Nein, das würde ich nicht sagen. Sie ist sehr sorgfältig. Alles muss dreifach untersucht und Gutachten müssen erstellt werden. Das dauert halt sehr lange. Außerdem wollen so viele Bauherren mitreden.

Wie ist Ihr Eindruck von Berlin?

Immer wenn ich nach Berlin komme, bin ich froh, dass es hier nicht so eine Sammlung von Türmen wie in den USA gibt. Es werden nur einige Akzente gesetzt. Das finde ich auch völlig richtig. Die europäischen Städte müssen ja nicht alle nach Amerika aussehen.

Aber tun sie das nicht schon?

Ja, leider zunehmend. Wenn Sie nach London schauen, dann können Sie sehen, was der Druck des Geldes anrichtet. Dann kommt immer wieder die Frage auf: Ist das das Richtige für das Stadtbild? Aber gut, wir bauen ja keine Städte für das Stadtbild.

Wofür dann?

Einfach gesagt: um das menschliche Leben besser zu machen.

Kann also Architektur ganze Gesellschaften beeinflussen?

Nein, Architektur formt nicht das menschliche Leben. Es ist aber der Ausdruck von Zivilisation. Was wir in unserer Zeit benötigen, dem müssen wir mit Architektur Rechnung tragen.

Das klingt jetzt sehr funktionell.

Architektur ist ja im Grunde etwas Funktionelles, wie Maschinenbau. Wir müssen etwas gestalten, wo die Leute wohnen, arbeiten und leben können. Erst dann kommt der künstlerische Aspekt hinzu. Wie der umgesetzt wird, da unterscheiden sich dann die normalen Architekten und Bauleute von den guten.

Wenn Sie hier ein Grundstück bebauen könnten, was würden Sie entwerfen?

Ich würde einen städtischen, multifunktionellen Komplex bauen – Wohnen, Arbeit, Gewerbe. Ein kleiner Bereich, der in sich selbst vollständig, dem Leben in der Stadt gewidmet und vor allem nachhaltig ist.

Abgesehen von der Neuen Nationalgalerie – haben Sie schon einmal in Berlin gebaut?

Ich sollte mal in Schönefeld ein Hotel für eine Kette bauen. Daraus ist aber nichts geworden. Die haben rechtzeitig gesehen, dass es schiefgeht mit dem Flughafen. Übrigens: Können Sie mir verraten, warum der immer noch nicht eröffnet ist?

Kommt darauf an. Wie viel Zeit haben Sie?

In den Sechzigerjahren bin ich regelmäßig von Chicago nach Berlin geflogen und musste immer in Frankfurt umsteigen. Jetzt, fünfzig Jahre später, hat sich nichts geändert. Da sollte sich Berlin mal etwas anstrengen. Es ist eine große Peinlichkeit für die Stadt und auch für Deutschland.

Aber Sie haben es ja nach Berlin geschafft. Wenn Sie jetzt durch die Stadt spazieren, wie viel Mies van der Rohe steckt noch in Berlin?

Nicht so viel. Er hat ja hier relativ wenig gebaut. Das Haus Lemke in Hohenschönhausen, ein paar Villen. Er hat Berlin nicht so stark geprägt wie Chicago und andere Städte in den USA. Außer natürlich die Neue Nationalgalerie.

Die haben sie ja vor fünfzig Jahren mit Ihrem Großvater entworfen. Jetzt begleiten Sie die Instandsetzung. Wie ist der momentane Zustand des Gebäudes?
Ein bisschen wie früher im Rohbau. Man läuft nur noch über Beton. Aber ich bin sehr zufrieden. Beeindruckend ist die Akribie und die Sensibilität, mit der Chipperfield und seine Leute hier vorgehen.

Gibt es trotzdem noch Hindernisse?

Bei allen Gesprächen ist ein Denkmalpfleger dabei. Ich bin da meistens etwas lockerer. Ich sage dann, dass man das ändern und jenes besser machen könnte, dann sagt er: „Nein, das können Sie nicht, so war es ja nicht geplant!“ Das ist manchmal problematisch.

2020 soll der Bau fertig sein. Ist das zu schaffen?

Wir sind mehr oder weniger im Plan.

Ist es eigentlich eine Last, Enkel eines so bekannten Großvaters zu sein?

Manchmal schon. Schließlich will ich ja auch für meine eigene Arbeit respektiert werden. Aber klar: Mein Großvater war ein großer Mann, von dem ich viel gelernt habe. Zum Beispiel auch, wie man eine Zigarre raucht und wie man einen Martini trinkt.

Machen Sie das immer noch?

Rauchen nicht mehr. Aber Martini trinke ich noch regelmäßig.

Das Gespräch führte Michael Graupner.

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