Berlin : Entflammt für Berlin

Mit einem Festakt, einem Mittelaltermarkt und Straßentheater endet am Wochenende die 775-Jahr-Feier Höhepunkte des Programms sind die Compagnie Carabosse und die Gruppe Titanick.

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Mummenschanz mit Feuerzauber. Tontöpfe, aus denen es lodert und die mit Eisenkonstruktionen zu feurigen Skulpturen verbunden wurden, sind bei der Compagnie Carabosse eigentlich immer dabei, in diesem Fall bei ihrem Auftritt im Juli 2010 auf dem Paleo-Festival in Nyon (Schweiz). Foto: dpa
Mummenschanz mit Feuerzauber. Tontöpfe, aus denen es lodert und die mit Eisenkonstruktionen zu feurigen Skulpturen verbunden...Foto: picture alliance / dpa

Selbstverständlich kann hier jeder, der mag, jederzeit sein eigenes Geschichtsfest feiern. Aus allen acht Jahrhunderten, die es Berlin nun schon gibt, haben sich Zeugnisse erhalten, Bauten, Schriften, Bilder, Waffen und vieles mehr, vor denen der historisch Interessierte innehalten und den Blick zurückwenden kann. Aber 775 Jahre, das ist etwas Besonders, das muss, auch wenn es kein rundes Jubiläum ist wie bei den Feiern 1937 und 1987, ganz speziell begangen werden.

Einige vorbereitende Aktivitäten hat es in den vergangenen Monaten bereits gegeben, die an diesem Wochenende in die eigentliche Geburtstagsfeier münden. Sein Ort ist – alles andere würde nicht einleuchten – die historische Mitte mit dem Schlossplatz, dem Platz um den Neptunbrunnen und dem Nikolaiviertel als Zentren. Am Sonnabend geht es los, mit einem mittelalterlichen Markt um die Nikolaikirche, deren älteste Teile aus dem 13. Jahrhundert stammen und die schon Simeon, als Pfarrer in der Schwesterstadt Cölln, in einem Dokument vom 28. Oktober 1237 genannt und so gewissermaßen Urheber der Jubelfeier, bewundert haben dürfte. Auf dem Markt wird allerlei altes Handwerk vorgestellt, das als „Weberey-Spinnerey-Färberey“, „Bräterey“ oder „Glasbläserey“ angekündigt wird. Die historisierende Ypsilon-Manie ist in solchen Fällen üblich geworden.

Es gibt auch zwei „Podiumsbühnen“ und zwei „Schaubuden“ mit Programm, und wem das noch immer nicht Mummenschanz genug ist, der mag über die äußeren Bereiche des Viertels, also auf der Rathausstraße, der Spandauer Straße, dem Mühlendamm und am Spreeufer promenieren, wo er historische Persönlichkeiten, dargestellt von Komparsen und Laiendarstellern in Kostümen treffen wird. Alte Fahrräder zum Ausprobieren, ebensolche Autos zum Bestaunen und anderes mehr runden das Angebot ab, das mit einer Feuershow endet. Am Sonntag geht es dort ähnlich zu.

Dieser Tag beginnt mit einem Gottesdienst in der nahen Marienkirche, die das älteste noch so genutzte Gotteshaus Berlins ist, während die Nikolaikirche seit langem als Museum dient. In ihr wird am Nachmittag der offizielle Festakt stattfinden – für geladene Gäste. An diesem Ehrentag besteht auch zum letzten Mal die Möglichkeit, die aufs Jubiläum hin konzipierten Open-Air-Ausstellungen zu sehen: „Stadt der Vielfalt“, wie der begehbare Stadtplan zur Zuwanderungsgeschichte Berlins betitelt wurde, „Party, Pomp und Propaganda – Die Berliner Stadtjubiläen 1937 und 1987“ und „Spuren des Mittelalters“.

Am Sonntagabend wird es ebenso brenzlig wie dramatisch. Zwei Programmpunkte wurden zum Höhepunkt der Feiern bestimmt: das ursprünglich deutsche, mittlerweile international besetzte Straßentheater Titanick und die französischen Feuerpoeten der Compagnie Carabosse. Ersteres, 1990 gegründet und 2012 für den George-Tabori-Preis nominiert, wird rund um den Neptunbrunnen ihren Zauber entfalten. Die dargestellten Szenen sind von historischen Visionen des Jenseits inspiriert, wie sie sich etwa auf den Bildern des Hieronymus Bosch oder in Dantes „Göttlicher Komödie“ finden. Zugleich greifen sie jahrhundertealte Traditionen des europäischen Volkstheaters auf. Die international bekannte Gruppe Carabosse mit ihrer „Installation de Feu“ dagegen illuminiert das Areal zwischen Schlossplatz, Nikolaiviertel und Fernsehturm mit einer eigens fürs Stadtjubiläum konzipierten Schau. Anlässlich der Olympischen Spiele 2012 in London bespielte sie die Kultstätte von Stonehenge, nun soll sie Berlins Geburtstagsparty befeuern. Die Besucher können sich, geleitet von den Rhythmen der Musiker, mal hierhin, mal dorthin treiben lassen, inmitten feuerspeiender Skulpturen, brennender Girlanden und zahlloser Tontöpfe, aus denen es lodert und die durch Eisenkonstruktionen zu flammenden Bildwerken verbunden werden. Dazu kommen „Chupas“ (mit brennender Holzkohle gefüllte Kugeln), „Tuyaux des Feu“ (rot leuchtende Metallröhren mit Inschriften verschiedener Kulturen), „Les Torchères“, die große Stichflammen speien, oder auch „Edmond“, eine große mechanische Blume, deren Blätter sich öffnen und schließen und die Wasser versprüht. Wer zwischendurch Ruhe braucht – auch besondere Stühle stehen bereit, „Chaises chauffantes“ genannt, beheizt also. Nicht dass sich jemand bei der Geburtstagsparty den Hintern verkühlt.

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