Entführungsfall Bad Saarow und Storkow : Die Maße des Maskenmanns

Die Verteidigung will beweisen, dass der falsche Mann als Entführer von Bad Saarow und Storkow vor Gericht steht. Dafür kommen auch unkonventionelle Methoden zum Einsatz.

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Tatwerkzeug. Mit diesem Kanu, das im Verhandlungssaal 007 des Landgerichtes in Frankfurt (Oder) liegt, wurde der Manager entführt.
Tatwerkzeug. Mit diesem Kanu, das im Verhandlungssaal 007 des Landgerichtes in Frankfurt (Oder) liegt, wurde der Manager entführt.Foto: dpa

Es kommt nicht alle Tage vor, dass ein Angeklagter im Gerichtssaal von seinem Verteidiger eigenhändig mit einem Zollstock vermessen wird. Doch der Anfang Mai vor dem Landgericht in Frankfurt (Oder) begonnene und wohl bis weit in den Oktober dauernde Prozess gegen den mutmaßlichen „Maskenmann“ brachte bisher so manche Überraschungen. „Wir wollen zeigen, dass es durchaus auch einen möglichen anderen Täter geben kann als unseren Mandanten“, erklärte Verteidiger Axel Weimann seine Strategie. „1,86 Meter, ohne Sportschuhe“, verkündete er sein Messergebnis vor den im Kreis versammelten Richtern, Staatsanwälten, Nebenklägern und sieben Polizisten als Aufpasser.

„Mehr als 1,80 kommt nicht in Betracht“

Zufrieden wiederholte er fürs Protokoll noch einmal die Zahlen. „1,86 Meter und nicht 1,70 bis 1,75 Meter.“ Die kleineren Zahlen hatte der im Oktober 2011 aus seiner Villa am Storkower See entführte Berliner Investmentbanker Stefan T. bei der Täterbeschreibung gegenüber der Polizei angegeben. „1,80 Meter oder mehr kommen gar nicht in Betracht“, lautete die entsprechende Passage in den Polizeiakten.

Der gestern im Gerichtssaal festgestellte Größenunterschied spielte zweifellos der Verteidigung in die Hände. Sie wirft der Staatsanwaltschaft schon seit dem Prozessauftakt vor, den falschen Mann angeklagt zu haben. Der 46-jährige Dachdecker aus Berlin sei nicht derjenige, der im Jahre 2010 zunächst in Bad Saarow zweimal eine vermögende Berliner Unternehmerfamilie brutal überfallen, dabei einen Sicherheitsmann durch einen Schuss lebensgefährlich verletzt und ein Jahr später einen Bankier in Storkow entführt hatte. Die Staatsanwaltschaft wirft dem Mann in dem nur auf Indizien beruhenden Verfahren unter anderem versuchten Mord, versuchten Totschlag, schwere Körperverletzung und räuberische Erpressung vor. Von der Familie des Berliner Investmentbankers soll er versucht haben, eine Million Euro zu erpressen.

Entführung per Paddelboot. Die Staatsanwaltschaft glaubt, dass es der Angeklagte war, der auf diesem Foto sein Gesicht verbirgt.
Entführung per Paddelboot. Die Staatsanwaltschaft glaubt, dass es der Angeklagte war, der auf diesem Foto sein Gesicht verbirgt.Foto: dpa

Alle bisher gehörten Zeugen aus den betroffenen Familien konnten wegen der offenbar geschickten Tarnung des mutmaßlichen Täters noch keine stichhaltigen Beweise dafür liefern, dass der richtige Angeklagte vor Gericht steht. Bei den Überfällen in Bad Saarow versteckte der Angreifer sein Gesicht unter einer Wollmaske und einem Imkerhut, während der im Oktober 2011 entführte 53-jährige Investmentbanker die Kopfbedeckung des Entführers zuerst als „dunklen Motorradhelm“ und danach als „Mütze mit einem dichten Gazegewebe“ beschrieb.

Eine der größten Suchaktionen, die Brandenburg je erlebt hat

Während seiner 33 Stunden dauernden Entführung auf eine nur zwei Quadratmeter große Insel im Schilfgürtel des Storkower Sees seien seine Augen die meiste Zeit über mit einem Klebeband verschlossen gewesen, sagte T. Nur beim Schreiben des Briefes an seine Frau mit der Lösegeldforderung habe er den Täter von „hinten und ohne Kopf“ gesehen und ihn als „professionell“ und „gut organisiert“ eingeschätzt.

Dabei zeigte er auf das im Gerichtssaal liegende Kajak, an das er sich „auf einer Luftmatratze verschnürt wie ein Paket“ habe anhängen müssen. Auf der winzigen Insel sei er dann mindestens sechs bis acht Stunden mit den Händen über dem Kopf an einen Baum gefesselt worden. Die kurze Abwesenheit des Entführers konnte er zum Lösen des Klebebandes und der Stricke nutzen. Auf allen vieren kroch er nach seiner Schilderung in der Nacht durchs Schilf. Der mehrfache Familienvater rettete sich zu einem Haus in der Umgebung und verständigte die Brandenburger Polizei. Diese startete eine der größten Suchaktionen in ihrer Geschichte und stieß dabei auf den vorbestraften Mario K. Nach einer wochenlangen Observierung nahm sie den Angeklagten im vergangenen September in Köpenick fest. Dieser schwieg gestern erneut im Gerichtssaal, notierte sich aber jedes Detail der Zeugenaussagen.

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