Enthüllungen einer Dessous-Verkäuferin : Das war Spitze

Heide Meyer verkaufte alsa "Lady M" mehr als 50 Jahre Dessous. Ihr Laden in Wilmersdorf war eine Institution. Über ihre Erfahrungen hat sie nun ein Buch geschrieben.

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Mieder-Meyer. Die ehemalige Besitzerin des Dessousladens Lady M. in Wilmersdorf, Heide Meyer, hat noch einige gute Stücke im Schrank.
Mieder-Meyer. Die ehemalige Besitzerin des Dessousladens Lady M. in Wilmersdorf, Heide Meyer, hat noch einige gute Stücke im...Foto: Thilo Rückeis

Bloß nicht in die Unterwäscheabteilung, igitt. Kaum etwas fürchtete Heide Meyer mehr als den Körperkontakt, den die Beratung beim Verkauf von Dessous mit sich bringen würde. Wir schreiben das Jahr 1958, Meyer war damals gerade 15 und hatte eine Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau im Deutschen Familienkaufhaus, kurz DeFaKa, in Charlottenburg angefangen. Erste Station: die Strumpfabteilung. Nicht so schlimm, Strümpfe wurden erst daheim über die Käsefüße gezogen. Im Gegensatz zu den Miederwaren, zu denen die Auszubildende versetzt werden sollte. Die konnte man nicht kaufen, ohne sie vorher zu probieren. Dieser Geruch! Der wöchentliche Badetag war noch weit verbreitet, Deodorants hingegen nicht. Und Achselhaare waren kein subversives Statement, sondern Normalzustand. Doch lamentieren half nicht. Und so kam Heide Meyer zu den Dessous.

Heute blickt die resolute Geschäftsfrau auf über fünf Jahrzehnte in der Unterwäschebranche zurück. Nach ihrer Ausbildung arbeitete sie im KaDeWe als Einkäuferin, später eröffnete sie einen eigenen Laden, dessen Leitung sie vor drei Jahren abgab. „Lady M“ in der Westfälischen Straße galt als Institution, nicht nur in Wilmersdorf. Das lag vor allem an der Inhaberin, die ihre Kundinnen mit Sachverstand und Freude beriet. Doch zur Ruhe gesetzt hat sich Meyer keineswegs. Noch immer schult sie Verkäuferinnen in der Dessousbranche, und soeben hat sie ein Buch veröffentlicht. Es trägt den Titel „Mutter Corsage: Enthüllungen einer Dessous-Verkäuferin“. Am heutigen Mittwoch liest sie bei Lehmanns in der Hardenbergstraße in Charlottenburg daraus vor.

Wer sich von der Lektüre schlüpfrige Details und Intima aus der Umkleidekabine erhofft, wird enttäuscht. Diskretion gehört für Heide Meyer zum Berufsethos. Näher als eine Unterwäscheverkäuferin käme den Frauen nur noch der Gynäkologe, sagt sie. Und fügt hinzu: „Ich habe gelernt zu schweigen.“

Ihr Buch ist dennoch kurzweilig und unterhaltsam, gespickt mit zahlreichen Anekdoten aus ihrem Leben. Zum Beispiel von ihrem ersten eigenen Laden im Ku’damm Eck. Zur Eröffnung 1972 gab es Asti Spumante, Russische Eier und Musik vom Band. Mit dem eigenen Geschäft ging für Heide Meyer ein Traum in Erfüllung. Der sich jedoch bald zum persönlichen Albtraum entwickelte. Im Ku’damm Eck eröffnete ein Sexshop nach dem nächsten. Stilvolle Unterwäsche? War nicht gefragt. Hinzu kam die Emanzipation. Der BH wurde zum Symbol der Unterdrückung – und öffentlich verbrannt.

Heide Meyer hielt trotzdem durch. Sie eröffnete Mitte der 70er Jahre eine Filiale im Forum Steglitz, zog später in die Westfälische Straße. Unterwäsche zu verkaufen, war für sie eine Leidenschaft. Noch heute, wenn sie daheim in Wilmersdorf an ihrem Esstisch sitzt, ereifert sie sich beim Reden, bleibt dabei jedoch stets charmant. Die meisten Frauen trügen schlecht sitzende Büstenhalter. Weil sie entweder nicht oder falsch beraten würden. Oder weil sie kein Bewusstsein dafür hätten, dass hochwertige Unterwäsche zum Gesamterscheinungsbild beiträgt, auch wenn sie unter der Kleidung versteckt ist. Das richtige Darunter könne Haltung und Körperkontur verbessern. Und das auf Anhieb. „Es gibt Frauen, die kaufen sich Gesichtscremes für 200 Euro, um frisch zur wirken, aber einen BH im Discounter“, sagt Meyer und guckt fassungslos.

Wie viele Frauen genau Heide Meyer im Verlauf ihres Berufslebens beraten hat, kann sie nicht genau sagen. „Bei 120 000 habe ich aufgehört mitzuzählen.“ Eines weiß sie im Rückblick jedoch genau: Miederwarenverkäuferin war sie gern. Auch wenn es sie anfangs Überwindung gekostet hat. Nana Heymann

Lehmanns Media, Hardenbergstraße 5, Charlottenburg. Beginn: 20 Uhr 15. Eintritt: 7, 50 Euro, ermäßigt 5 Euro. „Mutter Corsage: Enthüllungen einer Dessous-Verkäuferin“, Knaur, 264 Seiten, 9,90 Euro.

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