Berlin : Entsorgung

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VON TAG ZU TAG

David Ensikat bangt um hunderttausend Seelen

Gestern konnte man sie noch kuscheln sehen mit ihren gelben Tüchern. Ein letztes Mal haben sie sie überm Kopf geschwenkt, als seien’s HerthaSchals, haben dabei den Herrn gelobt und sich nach rechts und links gebeugt – eine Übung, die nicht nur dem Herrn gefällt, sondern ebenso den Fitnesstrainern dieser Erde. Sie haben sich die Kirchentagstücher keck ins Haar gebunden oder jungbündlerisch um den Hals, sie haben über den „Made in India“-Aufdruck diskutiert, überlegt, ob man nicht ein Ökumenekomitee zu den Hindus und Buddhisten schicken solle, ins Herkunftsland der gelben Tücher. Sie haben sich mit ihrem Wirgefühlstextil den Schweiß von der Stirn gewischt und die Abendmahlsreste aus den Mundwinkeln. Sie haben sich erkannt an den leuchtenden Stoffbahnen – Ach, siehe dort, auch einer von uns, ein Christenmensch, ein Guter. Sie sind eins geworden mit ihren Tüchern, deren Preis, zwei Euro, sie gern bezahlt haben, ist ja für die Ökumene, deren wuschelige Knitterigkeit ihnen sympathisch war (die Tücher mussten, da sie abfärbten, nochmal gewaschen werden, und da war vorm Verkauf keine Zeit mehr zum Plätten).

Jetzt sind sie heimgefahren, das Tuch zum letzten Mal dabei, haben im Taxi zwischen Bahnhof und daheim gedacht: Soll ich dem Fahrer mein gelbes Tuch erklären? Ach nein, der wird das nicht verstehen, der hält mich ja für einen dussligen Naivromantiker.

Zu Haus haben sie es abgelegt… Wohin? Wohin jetzt mit dem Ding? An die Garderobe? Man trägt’s ja doch nie mehr. Über den Schreibtisch? Da fängt’s nur Staub. In die Schublade? In welche denn?

Hunderttausend gerade noch beglückte Kirchentagsseelen sind zerrissen. Darf man ein Tuch, das ruft: „Selig sind, die Frieden stiften“ wegschmeißen, einfach so?

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