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Enttäuschung in Berlin : Die Fans geben alles - die Mannschaft kommt nicht

Das deutsche Team kommt nicht zur WM-Abschlussparty. Dabei haben die Fans alles gegeben - nur einige schlechte Verlierer benahmen sich daneben. Ein junger Fan fiel in die Spree.

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Viva Espana, gern auch in Berlin. Die Fans des neuen Weltmeisters zog es am späten Sonntagabend nach dem WM-Finale auf die Straßen der Stadt - zum Hupen und Fahnenschwenken.Weitere Bilder anzeigen
Foto: König
12.07.2010 00:37Viva Espana, gern auch in Berlin. Die Fans des neuen Weltmeisters zog es am späten Sonntagabend nach dem WM-Finale auf die Straßen...

Deutschland spielte, Berlin hoffte und bangte: Der Ausgang des Halbfinales sollte entscheiden, ob die deutsche Mannschaft nach der WM in Berlin an der Siegessäule feiern wird – oder doch eher in Frankfurt am Main. Am heutigen Donnerstag wollten der Deutsche Fußball-Bund (DFB) und der Berliner Senat darüber entscheiden. Doch nach der 0:1-Niederlage im Halbfinale gegen Spanien nahmen die Spieler den Funktionären und Politikern die Entscheidung ab. "Wir hatten es nach der WM 2006 und der EM 2008. Und das große Ziel der Mannschaft hier war mehr als das Spiel um Platz drei", sagte Nationalmannschaftskapitän Philipp Lahm und ergänzte: "Es wäre unpassend, sich zwei Tage nach dem Spiel um Platz drei feiern zu lassen."

Bei einem Finaleinzug wäre die Entscheidung vermutlich anders ausgefallen, doch die Spanier hatten am Mittwochabend andere Pläne: Die Fans auf der Berliner Fanmeile hielten des öfteren den Atem an, weil der Europameister gute Chancen hatte. Eine Viertelstunde vor dem Abpfiff dann Entsetzen: Carles Puyol vom FC Barcelona traf per Kopf. 1:0 für den Europameister. Kurz zuvor hatten die Fans schon zum großen Jubel angesetzt: Der 20-jährige Toni Kroos vergab freistehend. Toni, du bist kein Fußballgott, jedenfalls noch nicht. Immerhin half er bald darauf mit, eine große Chance der Spanier zum wohl entscheidenden 2:0 zu vereiteln. Aufatmen in der Menge. Doch dann der ganz große Frust: Deutschland hatte verloren und spielt nur um Platz drei gegen Uruguay. Die Fanmeile wurde zur Flennmeile - und leerte sich in kürzester Zeit. Bis auf einige kleine Grüppchen, die es nicht fassen konnten und noch einige Zeit sitzen blieben, den Müll um sich herum und sonst gar nichts.

Für die Fanmeile hatte die Polizei auch während des Spiels noch gemeldet, dass alle Eingänge geöffnet waren und dass es keine längeren Schlangen beim Einlass gegeben habe. Von rund 350.000 Fans zwischen Siegessäule und Brandenburger Tor könne man aber auch dieses Mal wieder ausgehen. Trotz des reibungslosen Ablaufs und der vergleichsweise kühlen Temperaturen ging es an einigen Eingängen hitzig zu. Die Polizei sprach von "Scharmützeln". Fünf Randalierer wurden gleich zu Beginn festgenommen. Es gab Anzeigen wegen Körperverletzung, Blutproben wurden genommen, denn offensichtlich waren die Prügler stark alkoholisiert.

In einer Bilanz am Donnerstagmorgen zählte die Polizei dann 64 vorübergehende Festnahmen - vor allem, als die Niederlage feststand. "Da gab es wohl einige schlechte Verlierer", sagte ein Polizeisprecher am frühen Morgen. Die Vorwürfe: "Körperverletzung, Beleidigung, Sachbeschädigung, Pyrotechnik." Es habe mehr Vorfälle gegeben als bei den letzten Deutschland-Spielen. Insgesamt sei die Stimmung aggressiver gewesen. Für eine derart große Veranstaltung habe es aber immer noch vergleichsweise wenige Vorfälle gegeben. Fünf Polizeibeamte wurden leicht verletzt.

In der Friedrichshainer Strandbar "Yaam" fiel ein 17-Jähriger kurz nach Beginn der zweiten Halbzeit in die Spree. Wegen der hohen Uferwand konnte er allein nicht wieder an Land klettern. Die Wasserschutzpolizei zog ihn aber bald aus dem Wasser. Der Jugendliche blieb unverletzt. Die Polizei übergab ihn seiner Mutter. Eine Blutprobe ergab 2,27 Promille.

Diesmal jubelten in der Hauptstadt nur die Spanier. Im multikulturellen Berlin waren natürlich auch an diesem Abend Böller, Jubelschreie und Autohupen zu hören. Auf dem Ku'damm gab es nach dem Schlusspfiff immerhin einen kleinen spanischen Autokorso. Geschätzte vierzig Autos fuhren den Boulevard rauf und runter. Am Kranzlereck brannte dazu noch ein Feuerwerk ab. Ein Pulk deutscher Fans hatte die Kreuzung Joachimstaler Straße Ecke Kurfürstendamm bevölkert. "Ihr fahrt alle deutsche Autos, shalala", riefen sie den hupenden Spaniern entgegen.

Für den Fall eines deutschen Sieges hatte die Polizei den Bereich um den Breitscheidplatz wieder weiträumig für Autos abgesperrt. Doch diese Sperrung wurde dann mangels Masse schon bald wieder aufgehoben. Auch die Kreuzung am Kranzler wurde von den Beamten friedvoll geräumt. Rund 700 feiernde Spanier hatte die Polizei ihrer Bilanz vom Donnerstagmorgen zufolge gezählt. Die Straße sei nur 40 Minuten gesperrt gewesen. Alles sei friedlich geblieben.

Da hatten die vielen friedlichen deutschen Fans schon alles gegeben: Seit zwölf Uhr mittags saßen die Härtesten auf der Fanmeile schon in der ersten Reihe, direkt vor der riesigen Leinwand am großen Stern. Die Frauen und Männer mit den schwarz-rot-goldenen Wangen, Fähnchen, Perücken und Cowboyhüten sind extra aus Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Schleswig-Holstein und Niedersachsen angereist. „Wir wollen das Halbfinale in Berlin erleben, bei uns auf dem Dorf gibt es höchstens gemeinsames Fernsehgucken in der Firma“, sagt eine. Die meisten von ihnen haben dafür Urlaub genommen. Doch es sind sogar welche darunter, die sich für die finale WM-Woche in Berlin haben krankschreiben lassen. „Schließlich hat man nicht oft die Gelegenheit, unseren Jungs auf der größten deutschen Fanmeile zuzujubeln“, sagte ein junger Mann im Deutschlandtrikot, der zumindest in diesem Moment so krank gar nicht aussieht.

Etwas dezenter ging es am Arkonaplatz zu: Ein flüchtiges Schwarz-Rot-Gold auf der Wange, hier und da ein weiß-schwarzes Trikot, aber keine peinlichen Cowboyhüte oder Perücken. Mitte, bitte! Grillrauchschwaden lagen über dem Platz. Hunderte Fans hatten die Ecke Anklamer/Granseer Straße am Weltempfänger zur Public-Viewing- und Fußballparty-Zone gemacht. Das Ganze hatte nichts Anarchisches, die Veranstaltung war angemeldet, die Polizei hatte ordnungsgemäß abgesperrt. Sackgassenschilder waren aufgestellt. Da beschwerte sich dann auch kein Autofahrer.

Auch der Kurfürstendamm und seine Nebenstraßen wurden an diesem Abend der Entscheidung zur Fanmeile. Welcher Wirt von einigem Geschäftssinn hätte sich auch so eine Umsatzgelegenheit entgehen lassen, und sei es nur im begrenzten Rahmen eines gut dimensionierten Flachbildschirms. Klar, dass sich im „Don Quijote“ in der Bleibtreustraße besonders die Spanier, die von Geburt und die aus Sympathie, versammelt hatten. Der Mannschaft in Rot wurde zugejubelt, und dies nicht selten in Familienstärke, die Kinder dem Anlass entsprechend dekoriert, gekleidet, bemalt. Und dabei wurde auch noch mit Genuss gespeist: Fußball war die Hauptsache, aber doch nicht alles. Alles war sehr kultiviert. Am Ende dann der verdiente Riesenjubel. Und der Wirt brach in Tränen aus.

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