• Entwarnung für Berlin: „Lungenentzündung“ war eine Grippe Berliner Sars-Verdachtspatient von Isolierstation entlassen

Berlin : Entwarnung für Berlin: „Lungenentzündung“ war eine Grippe Berliner Sars-Verdachtspatient von Isolierstation entlassen

Quarantäne für die Kontaktpersonen aufgehoben

Ingo Bach

Erleichterung bei den Medizinern: Der 28-jährige Patient, der im Verdacht stand, an der mysteriösen Lungenentzündung Sars erkrankt zu sein, hat nur eine ganz normale Grippe. Dem Mann, der am vergangenen Wochenende aus Schanghai nach Berlin zurückgekehrt war, geht es mittlerweile so gut, dass er gestern aus der Isolierstation des Virchow-Klinikums der Charité entlassen werden konnte, sagte Klinikumsprecherin Kerstin Ullrich. Das Berliner Robert-Koch-Institut (RKI) habe die Influenza-Viren in den Blutproben des Patienten nachweisen können.

Deshalb hoben die zuständigen Gesundheitsämter gestern auch die häusliche Quarantäne für die vier Kontaktpersonen des Kranken – die Lebensgefährtin, eine gemeinsame Freundin, der behandelnde Hausarzt und der Taxifahrer, der den Kranken zum Arzt gebracht hatte – wieder auf. Sie können ihre Wohnungen verlassen. Dagegen müssen die sechs Berliner, die mit im Flugzeug des in Frankfurt/Main an Sars erkrankten Arztes saßen, weiterhin in der häuslichen Isolation bleiben, sagte Roswitha Steinbrenner, Sprecherin der Senatsgesundheitsverwaltung. Das gelte auch für einen weiteren Passagier des Fluges, der in Berlin einen Zweitwohnsitz hat und mittlerweile in Magdeburg ausfindig gemacht werden konnte.

Der Hausarzt des 28-jährigen Berliner Verdachtsfalles, Cord-Hinnerk Delventhal, hat trotz des Fehlalarms Verständnis für die Quarantäne, in der auch er von Montag bis Mittwoch festsaß. „Besser übervorsichtig als zu wenig reagieren“, sagte er dem Tagesspiegel. Der Berliner habe ihn am Montagnachmittag angerufen, obwohl Delventhal schon geschlossen hatte und nur noch allein in seiner Praxis saß. Trotzdem bat er den Kranken, sofort vorbeizuschauen – dadurch vermied er, dass der Patient Kontakt zu weiteren Menschen bekam, die auch alle unter Quarantäne hätten gestellt werden müssen. Denn der Arzt ahnte schon, was da auf ihn zukam. Delventhal informierte sich per Internet über Sars, zog sich selbst einen Mundschutz über, gab auch dem Mann und seiner Lebensgefährtin je einen. Und obwohl er sich nach der Untersuchung sicher war, dass es sich um eine Grippe handelt, meldete er den Fall pflichtbewusst ans Gesundheitsamt. Denn sein Patient erfüllte die Sars-Definition des RKI, die am Montag noch sehr weit gefasst war: über 38 Grad Fieber, Hals- und Muskelschmerzen, Atemwegsprobleme und eine Reise nach China. Am Dienstag definierte das RKI neu: Jetzt galten nur noch eine südchinesische Provinz, Honkong, die vietnamesische Hauptstadt Hanoi und die kanadischen Metropolen Toronto und Vancouver als Risikogebiete. Nach dieser Definition wäre dem Mann eine Isolierung erspart geblieben.

Delventhal bereut die Meldung ans Gesundheitsamt nicht, obwohl er nicht damit gerechnet hatte, dass man ihn unter Hausarrest stellen und seine Praxis für zwei Tage schließen würde. Am Dienstag bekam er noch einmal Ausgang, um dem Desinfektionstrupp in seine Behandlungsräume zu lassen. Alle Zimmer der Praxis, in der sich der Sars-verdächtige Mann aufgehalten hatte, wurden desinfiziert.

Für den Hausarzt bedeutet die unfreiwillige Schließung ein finanzieller Verlust, behandelt er in seiner Kreuzberger Praxis doch täglich zwischen 50 und 70 Patienten. Allerdings hat er einen Schadensersatzanspruch gegen das Land.

Auch künftig ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass es weitere Fälle von Sars-Alarm geben wird, um eine Ausbreitung der Krankheit zu verhindern, dessen Erreger bislang unbekannt ist. Und das unter Umständen, die für die Betroffenen beängstigend sein können. Denn wer Grippesymptome zeigt und während der letzten neun Tage aus den gefährdeten Gebieten zurückgekehrt war, der landet mit ziemlicher Sicherheit auf der Isolierstation des Virchow-Klinikums, wo er in einer Unterdruckkammer von vermummten Ärzten und Schwestern behandelt wird – allerdings nur dann, wenn sein Arzt den Verdacht meldet. „Manche meiner Kollegen werden dies vielleicht vermeiden wollen, wenn sie fürchten müssen, dass das Gesundheitsamt ihre Praxis für einige Tage schließt“, sagt Delventhal. Laut Auskunft des Robert-Koch-Instituts muss der Arzt zunächst einmal eigenständig entscheiden, ob es sich tatsächlich um einenVerdachtsfall handeln könnte oder zum Beispiel nur um eine eitrige Mandelentzündung.

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