Berlin : Entwarnung nach dem Giftalarm

Schüler hatten zu viele Schoten eines Erbsenstrauches gegessen. Der ähnelt dem gefährlichen Goldregen

Sandra Dassler

Der Erbsenstrauch kommt weg! Uwe Lutz, Leiter der Hausotter-Grundschule in Reinickendorf, hat seine Entscheidung gefällt: „Solange sich nicht einmal Botaniker und Ärzte einig sind, ob die Pflanze gefährlich ist oder nicht, gehe ich kein Risiko ein.“ Der Erbsenstrauch hat Uwe Lutz und seinen Kollegen einen unruhigen Dienstag, den Eltern von elf Zweitklässlern einen Riesenschreck und der Feuerwehr einen Großeinsatz beschert.

Wie berichtet, hatten die achtjährigen Schülerinnen und Schüler am Dienstag nach der Pause ihrer Lehrerin erzählt, dass sie Schoten von einem Strauch genascht hätten. Sie boten ihr sogar einige Exemplare zum Probieren an. Die Pädagogin verzichtete auf das ungewöhnliche Frühstück und verständigte ihre Kollegen. Da keiner wusste, um welche Pflanze es sich handelte, informierte Schulleiter Uwe Lutz die Feuerwehr. „Das war vorbeugend“, sagt er: „Die Kinder zeigten zu diesem Zeitpunkt keine Vergiftungssymptome. Wir wollten aber sichergehen.“

Ein weiser Entschluss, lobte der Sprecher der Senatsschulverwaltung, Kenneth Frisse, gestern das „besonnene Verhalten des Schulleiters“. Denn einige der Zweitklässler, die ins Virchow-Klinikum gebracht wurden, klagten am Dienstagnachmittag über heftige Bauchschmerzen und litten an starkem Durchfall. Deshalb mussten alle elf zur Beobachtung über Nacht im Klinikum bleiben, auch wenn sich die Schoten nicht wie ursprünglich von den Ärzten vermutet, als Samen des hochgiftigen Goldregens erwiesen.

Ein Mitarbeiter des für die Bepflanzung von Schulhöfen zuständigen Grünflächenamtes hatte noch am Dienstagnachmittag nach dem auf Schulhöfen verbotenen Goldregen gesucht, auf dem 14 000 Quadratmeter großen Grundstück aber nur den Erbsenstrauch gefunden. „Über dessen Gefährlichkeit scheiden sich die Geister“, sagt Petra Hoffmann vom Berliner Giftnotruf: „Manche beschreiben ihn als so harmlos, dass er früher sogar als Zusatznahrung genutzt wurde. Andere Experten gehen davon aus, dass Kinder gefährdet sind, wenn sie mit den knallenden Schoten spielen und zu viele der erbsenähnlichen Samen dabei verschlucken.“

Jedenfalls steht der Erbsenstrauch nicht auf der Liste der auf Schulhöfen und in Kindertagesstätten verbotenen Pflanzen, sagt Petra Hoffmann. Dort finden sich nebem dem Goldregen noch der Seidelbast, das Pfaffenhütchen und die Stechpalme. Bisher ist den Mitarbeitern des Giftnotrufs, der jährlich rund 35 000 Anfragen von Privatpersonen oder Medizinern bearbeitet, kein Fall bekannt, bei dem sich Kinder mit den Samen des Erbsenstrauchs vergiftet haben. Die größten Gefahren gehen eher von jenen roten Beeren aus, die viele im Spätsommer mit essbaren Früchten verwechseln, erzählt Petra Hoffmann. Dazu gehören die Vogelbeeren der Eberesche oder die Heckenkirschen. Auch die Früchte der Maiglöckchen und die Engelstrompete können Kindern sehr gefährlich werden.

Die elf Zweitklässler aus Reinickendorf kamen am Ende glimpflich davon. Gestern Mittag aus der Klinik entlassen, können sie ab heute wieder am Unterricht teilnehmen. Schulleiter Uwe Lutz hat angewiesen, dass alle Klassen in den nächsten Tagen zwei Unterrichtsstunden für Grundfragen der Botanik nutzen sollen. So lange wird er den Erbsenstrauch im Hof wahrscheinlich noch stehen lassen.

Der Giftnotruf ist rund um die Uhr unter 19240 zu erreichen.

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