Berlin : Er fühlte sich gestresst: Polizist trat zu

Bewährungsstrafe für jungen Beamten, der mutmaßlichem Störenfried den Unterkiefer brach

Kerstin Gehrke

Wenn dem Beamten etwas nicht passte, dann bekamen Bürger seine Missachtung schon mal deutlich zu spüren. Er bezeichnete einen offensichtlich Angetrunkenen als „Schwein“; beleidigte zwei türkischstämmige Männer. Polizeikommissar Ronny G. trat zudem einem mutmaßlichen Störenfried ins Gesicht und brach ihm den Unterkiefer, obwohl der Mann längst in Handschellen vor ihm stand. In seine Anzeige gegen den Mann wegen Widerstands schrieb der Polizist dann eine Mischung aus Dichtung und Wahrheit. Gestern saß der vom Dienst suspendierte Beamte vom Abschnitt 16 in Wedding vor dem Amtsgericht Tiergarten.

Solche Prozesse gegen Polizisten wegen Beleidigung oder Körperverletzung im Amt sind für die Gerichte oft eine zähe Angelegenheit. Häufig verweigern die Beamten die Aussage oder bestreiten Vorwürfe vehement. Im Falle des 28-jährigen Ronny G. ist das anders. „Ich habe überreagiert“, sagte er und sprach von „viel Stress auf der Dienststelle“ sowie einer privaten Lebenskrise nach der Trennung von seiner Freundin. „Es war nicht angesagt, sich so gehen zu lassen, ich kann mich nur entschuldigen“, beteuerte G.

Bei einem nächtlichen Einsatz im Oktober 2002 in Wedding wegen Ruhestörung hatte der Angeklagte einem 27-Jährigen den Kiefer gebrochen. Nach einem Schlag in den Nacken des bereits gefesselten Mannes folgte laut Anklage ein Tritt ins Gesicht. „Er machte eine Kopfbewegung, die wollte ich abwehren“, meinte der Beamte. Geschehen sei das nach permanenten Beleidigungen des Störenfrieds. „Es war überzogen“, gestand der Polizist. Um sich reinzuwaschen, behauptete er dann in einer Anzeige, der Mann habe ihn mit Fäusten angreifen wollen. Ein Kollege des Angeklagten, der bei dem Einsatz dabei war, wollte die falsche Behauptung aber nicht im Raum stehen lassen und ging zum Vorgesetzten.

Auch beleidigend wurde G., das war im August 2002. Erst hatte er einen 65-Jährigen beschimpft, eine Woche später platzte ihm auf der Dienststelle der Kragen. Als zwei südländisch aussehende Männer mit einem seiner Kollegen diskutierten, mischte er sich ein: „Ihr geht besser in eure Heimat, wenn euch die Arbeit der Berliner Polizei nicht passt.“ Diese Äußerung sei aber nicht „unter ausländerfeindlichem Aspekt, sondern aus dem Affekt heraus geschehen", meinte G.

Die Richterin verhängte eine Strafe von elf Monaten Haft auf Bewährung gegen den Beamten. Damit kann Ronny G. in den Dienst zurückkehren. Zudem muss er an einem Anti-Aggressionstraining teilnehmen. Die Behauptungen in der betreffenden Anzeige gegen den 27-Jährigen wertete das Gericht als „Übertreibung“, die G. aber im Verfahren gegen den Mann zurückgezogen habe. Vom Vorwurf der Verfolgung Unschuldiger wurde Ronny G. deshalb „ganz knapp“ freigesprochen.

Insgesamt sei das Verhalten des Beamten rufschädigend gewesen, hieß es im Urteil.

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