• „Er hat doch nur Reklame gemacht – für das Töten“ Nachbarn entschuldigen Mann, der ein Kind als Attentäter verkleidete

Berlin : „Er hat doch nur Reklame gemacht – für das Töten“ Nachbarn entschuldigen Mann, der ein Kind als Attentäter verkleidete

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Ein schlichter dreistöckiger Bau am Tempelhofer Damm, Ecke Gradestraße. Die Fassade ist gelbgrau, so wie die Tüllgardinen, die vor einigen Fenstern hängen. In einem der Fenster ein Farbtupfer: eine handgemalte palästinensische Fahne. „Gästehaus Britz“ steht an der gläsernen Eingangstür. Hier wohnt der „Vater, der seine Tochter als Selbstmordattentäterin verkleidet hat“. Die Hauswartsfrau des Wohnheimes eines privaten Trägers sagt: „Eine Tochter? Ich habe ihn nur mal mit zwei Jungen gesehen.“

Nachdem die Polizei den Mann am Dienstag verhört hatte, hieß es: Der 33-jährige Palästinenser aus dem Libanon lebe seit eineinhalb Jahren mit seiner Frau, einer Tochter und zwei Söhnen in Berlin. Vorübergehend festgenommen wurde er unter dem Vorwurf „der öffentlichen Billigung von Straftaten“. Nach der pro-palästinensischen Demonstration, bei der Mohammad Al-R. das martialisch verkleidete Mädchen auf der Schulter trug, vergingen, wie berichtet, 13 Tage, bis ihn jemand an die Polizei verriet.

Mohammad lebe allein im Heim, sagt die Hauswartsfrau. Er sei in einem Zimmer gemeinsam mit einem anderen Palästinenser einquartiert, scheine aber meistens bei seiner Familie zu übernachten. Ein ruhiger Mann, mit dem es noch nie Ärger gegeben habe. Der Sozialbetreuer des Heims sagt, er sei gerade weggegangen – genervt von Journalisten, die das Heim belagern.

Auch die Nachbarn sind Palästinenser aus dem Libanon. Wider Willen werden sie zu Sprechern ihres Landsmannes. „Alle reden, fragen, Polizei, Zeitung“, sagt einer in gebrochenem Deutsch, aber mit Empörung in der Stimme. „Besser dem Mann helfen.“ Er zeigt auf das Zeitungsfoto, das um die Welt ging, auf die Sprengstoffattrappe. „Ach, Sprengstoff! Das war einfach nur so. Mohammad wollte nichts machen.“ Aber wollte er mit dieser Verkleidung nicht etwas sagen? „Ja“, antwortet der Nachbar. „Es war wie Reklame.“ Wofür? „Reklame für das Töten.“ Ein schmaler, fast kahlköpfiger Mann, der minutenlang nichts gesagt hat und scheinbar teilnahmslos in einen stumm flimmernden Bildschirm schaute, steht auf und macht Tee. Dann beginnt er zu reden. „Was machen Sie, wenn Krieg ist in Ihrem Staat? Ist das gefährlich, was Mohammad getan hat?“ Er kann nicht verstehen, dass sein Mitbewohner aus dem Heim wegen solch einer Kleinigkeit von der Polizei gesucht wird und dass sich so viele Journalisten mit dem Fall beschäftigen. „Dieser Mann hat nur Werbung gemacht, aber in Palästina ist Krieg! Das ist wichtig.“ Amory Burchard

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