Berlin : „Er hat sich überall eingemischt“

Heinz Galinski, vor 100 Jahren geboren, wurde zur kämpferischen Stimme der deutschen Juden Eine Biografie nähert sich seiner umstrittenen Persönlichkeit.

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Heinz Galinski
Heinz GalinskiFoto: epd

Was mit einem Menschen passiert, der die Inhaftierung in einer Genozid-Fabrik überlebt, wo Kinder, Frauen, Männer wie Ungeziefer vergiftet werden, wissen „die Anderen“ nicht wirklich. Was muss einer erleiden, was muss man tun, was verdrängen, um davonzukommen? Heinz Galinski hatte sich noch im KZ vorgenommen, sein Leben „in den Dienst der Gemeinschaft zu stellen“. Dass „die Anderen“ seine Erinnerung nicht teilen wollten, erkannte er schon 1946: „Wer spricht heute noch von den Gräuel in den KZs, von den Brieftaschen aus Menschenhaut, die für Kommandanten der KZs angefertigt wurden?“, fragte er damals in „Der Weg“. Jahrzehnte später versagte ihm, wenn er den Bezug zu Auschwitz konkret herstellen wollte, das Vokabular bei der Vorstellung der „oft beschriebenen und doch nicht zu beschreibenden Zäsuren: Frauen rechts, Männer links. Das war das Letzte, was ich von meiner Mutter und meiner Frau gesehen habe.“

Zum 100. Geburtstag des Mannes, der als Vorsitzender der Berliner Jüdischen Gemeinde und als Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland kämpferischer Repräsentant des deutschen Nachkriegs-Judentums geworden war, hat Juliane Berndt eine erste Biografie vorgelegt: „Ich weiß, ich bin kein Bequemer ...“ Die allererste Würdigung ist es nicht: Kurz nachdem Galinski 79-jährig vor 20 Jahren gestorben war, erschien die Festschrift zum runden Geburtstag: „Aufbau nach dem Untergang“, nunmehr „In memoriam Heinz Galinski“, mit Aufsätzen zur Nachkriegshistorie und einigen Würdigungen des weithin respektierten, aber in seiner Mahnerrolle wenig geliebten Gemeindeführers. Enthalten war auch ein Foto des am 28. November 1912 im westpreußischen Marienburg geborenen Kaufmannssohnes: Der Kontrast zwischen diesem großäugigen Kind und dem kantigen Schädel des Textilkaufmannes, der nach 1945 in Berlin die Interessen der kleinen jüdischen Gemeinschaft scharf verteidigte, mochte eine Ahnung vermitteln von den „oft beschriebenen und doch nicht zu beschreibenden“ Erlebnissen.

Juliane Berndt hat Werdegang und Verdienste Galinskis um die Integration der Juden in Deutschland und um deren Loyalität zu Israel präsentiert. Er selbst kommt mit Zitaten und in Interviews zu Wort. Ein guter Quellenüberblick. Das heikle Thema, warum dieser Engagierte so gefürchtet und geehrt zugleich war, umgeht sie – und überlässt es Interviewpartnern, darauf abzuheben. Ihre Bemerkung „Nichts ließ ihn kalt, nichts ließ er unkommentiert“, macht allerdings klar, dass Galinskis steter Drang, jüdische Interessen zu artikulieren, vielen Zeitgenossen insgeheim auf die Nerven ging. Was sie nicht aussprachen, setzten andere in Aggression um: In den 70er, 80er, 90er Jahren wurde Deutschlands oberster Mr. Jew zur Hassfigur für links- wie auch rechtsextremistische Attentäter.

Auf Anhieb sei sie von Galinskis „äußerst zuvorkommender, freundlicher Art“ und „Herzlichkeit“ beeindruckt gewesen, lobt Charlotte Knobloch. Klaus Schütz verrät: „Heinz wollte von allen geachtet, ja geliebt werden.“ Er meint aber auch, dass sich Günter Grass zu Lebzeiten Galinskis nicht getraut hätte, sein antiisraelisches Gedicht „Was gesagt werden muss“ zu veröffentlichen. Eberhard Diepgen gibt seine Skepsis gegenüber Galinski zu: weil der „sich überall“ eingemischt habe“ und „dies immer mit Forderungen aus der jüngsten Geschichte verband. Auch seine Tonlage war nicht gerade werbend, sondern fordernd.“

Im Zusammenklang kritischer Laudatoren gewinnt die kontrastreiche Persönlichkeit Kontur. Zu diesem Chor gehörte 1992 Ralph Giordano, der in „Auschwitz – das war sein Daseinskompass“ Galinskis Melancholie und Aktivismus aufeinander bezog, ohne Vorwürfe („monoman“, „eitel“) zu verschweigen. Andreas Nachama lobte damals die Agitation des Funktionärs gegen Antisemitismus („glasklar, eiskalt“), welche ihm schaudernde Bewunderung einbrachte. „Er hatte zu allen Dingen Distanz, manchmal schien es, als würde er zu sich selbst Distanz halten.“ Im Rückblick auf Galinskis lange Nachkriegsära zeigt sich, dass die Genervtheit, mit der nach 1945 NS-Opfer hierzulande oft behandelt wurden, und das aktuell unterm Deckel der Political Correctness wachsende Ressentiment miteinander verwandt sind. „Manchmal habe ich mich mit ihm schwergetan; er konnte autoritär und schroff sein,“ bekennt zu Beginn der Biografie Kardinal Lehmann. „Wir brauchen auch künftig solche Mahner, ob nun tot oder lebendig.“

Juliane Berndt, Andreas Nachama (Hrsg.): „Ich weiß, ich bin kein Bequemer ...“. Heinz Galinski – Mahner, Streiter, Stimme der Überlebenden. be.bra Verlag Berlin, 333 Seiten, 19,95 Euro

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