Berlin : Er kam, er sah, er verschwand

Silke Edler,Andreas Conrad

Kein Gruß, kein Winken, kein Lächeln vom "Beach"-Boy und Teenie-IdolSilke Edler und Andreas Conrad

Etwa viertel nach sieben wird das Kind renitent. "Mama, warum bleiben wir hier stehen?" Zwar hat es auf Mamas Schultern einen prima Ausguck, aber was es da sieht, leuchtet ihm nicht ein. "Mama, meine Füsse killern schon. Maamaa!!"

Wenn es das nur wäre. Die Mädels vorn an der Absperrung haben es schwerer, harren seit Stunden aus, tiefgefroren, dennoch ganz munter. Mittlerweile haben sich mehrere hundert Menschen vor dem Berlinale-Palast versammelt, einfache Schaulustige, Zufallspassanten und der harte Kern der Verehrerinnen. Die Polizei ist mit einigen Mannschaftswagen seit dem Nachmittag da, jetzt sind die Beamten ausgeschwärmt, versuchen den anrollenden Limousinen einen Weg freizuhalten. Keine leichte Aufgabe.

Gegen viertel vor acht, damit zu spät, ist es soweit. Leonardo DiCaprio, der "Beach"-Boy dieser Berlinale, rollt vor, zuverlässig beginnen die Teenies zu kreischen, mag sein, dass die eine oder andere tatsächlich einen Blick erwischt. Kein Gruß, kein Winken, kein Lächeln - dann ist er drin.

Das wollen wir jetzt ganz genau wissen: Wieviele Joints hat Leonardo bei den Dreharbeiten auf der Trauminsel geraucht? Regisseur Danny Boyle nimmt die Frage gelassen, Leonardo werde schon mal zählen, er inzwischen den anderen Teil der Frage beantworten. Na, und nach seinen Ausführungen sind die Joints natürlich längst vergessen.

Das Nahen eines ganz besonderen Termins, einer Superpressekonferenz mit dem allertollsten Megastar, merkt man bei der Berlinale schon daran, dass Moritz de Hadeln vorher das Terrain sondiert, voller Mahnungen für die Pressebengel. Man möge doch beachten, dass DiCaprio nur einer von mehreren Schauspielern sei, die nachher "The Beach" vorstellen werden.

Das kurz nach drei sprunghaft steigende Gedränge im Konferenzraum ist ebenfalls ein sicherer Indikator für den Marktwert des erwarteten Stars. Rund 50 Fernsehteams, das ist sicher Rekord. Auch dass die Dolmetscherin nur nach mehrfachem Bitten ihre Kabine zu erreichen vermag, dass später die Mikrophonmädels sich schon schlangengleich winden müssen, um zu den Wissbegierigen durchzudringen, haben selbst alte Berlinale-Hasen so noch nicht gesehen. Man kennt das eher von Popkonzerten.

Kurz nach vier, zwanzig Minuten zu spät. Plötzlich kommt Leben in die Reihen, Blitzlichtgewitter, Indianergeheul. Leo ist da, und die beiden kleinen Mädchen, die von einer Journalistin, ihrer Mutter vielleicht, reingeschmuggelt wurden, klettern begeistert auf ihre Stühle. Oh, lucky girls! Es dauert dann noch eine ganze Weile, bis sich alles so weit beruhigt hat, dass die erste Frage gestellt werden kann, die obligatorische nach Berlin. Ja, er sei schon oft in Deutschland gewesen, sogar einmal in Berlin, kurz vor dem Mauerfall. Gewiss, ein unglaubliches Gefühl, wieder hier zu sein. Nein, die letzte Nacht habe er nicht gut geschlafen. So geht das eine ganze Weile hin und her, DiCaprio hier und DiCaprio da, bis de Hadeln, heute doch etwas nervös, noch einmal die Bühne erklimmt, erneut mahnt, es seien auch noch andere Leute da, die man befragen könne, Leonardo DiCaprio sei nur einer unter vielen Schauspielern. Der nächste bitte: "Eine Frage an Herrn DiCaprio ..."

Das Spannende bei solchen Massenkonferenzen ist das Auseinanderklaffen von Image und Realität, das Erlebnis einer Person, die von der auf der Leinwand mehr oder weniger abweicht. Nicht so bei Leonardo: Er gibt auch hier den charming boy, immer ein gewinnendes Lächeln auf den Lippen und eine wohlfeile Antwort zur Hand. Nach "Titanic" habe er Probleme mit dem Image gehabt, erzählt er dann etwa. Er habe nicht unter Kontrolle gehabt, wie die Medien mit ihm umgingen, litt unter "großen Schwierigkeiten mit der visuellen Vermarktung meiner Person". Jetzt hat er das in den Griff gekriegt: "Ich lasse das Image koexistieren."

Das rollt ihm alles locker über die Lippen, selbst Irritationen, die ein Film wie "The Beach" doch mit sich bringen sollte, werden in wohlgesetzten Worten wiedergegeben, mit einem Lächeln, dem der Blick in Abgründe fremd scheint. Mit der Figur des Richard habe er sich identifiziert, es sei doch eine Erfahrung seiner Generation, dass echte Emotionen oft durch die Medien ersetzt würden, und da will Richard eben raus. Ja, "Titanic" sei eine Herausforderung gewesen, und ja, vor den Dreharbeiten am Strand habe er hart an sich arbeiten müssen, aber "es hat mir wirklich Freude gemacht."

Tilda Swinton, die herbe Britin, die endlich doch auch zu Wort kommt, ist da schon von anderem Format. Wie weit sie gehen würde, um ihr eigenes Paradies zu verteidigen? Langes Schweigen, angestrengtes Nachdenken, sekundenlang. Dann die, mal ehrlich, einzig mögliche Antwort: "Ich weiß es nicht."

Kälte, Hunger, Durst spürte Nadine schon lange nicht mehr. Seit fünf Uhr morgens stand die 15-Jährige, von irgendwo aus Brandenburg eigens angereist, am Absperrgitter vor dem Berlinale-Palast und wartete auf Leonardo. Wann er kommen würde, wußte sie nicht. "Ist doch egal, Hauptsache, er kommt." Mehr als 100 Mal hat sie die "Titanic" untergehen sehen. "Romeo und Julia" konnte sie nur drei Mal ertragen, dann nahm die Eifersucht auf Julia überhand. Dennoch: In Hysterie oder gar Ohnmacht würde sie nicht fallen, da war sie sich sicher.

In den hinteren Reihen hatte sich schon früh am Nachmittag Besorgnis breitgemacht: Leo werde zur Pressekonferenz den Hintereingang benutzen. Strategien wurden entwickelt, Gruppen teilten sich, Handysnummern wurden ausgetauscht: Wer ihn zuerst sieht, ruft an. Dennoch wurde übersehen, dass man am Hinterausgang Absperrgitter aufstellte, Polizisten sich postierten. Gegen halb vier dann fuhren schwarze Limosinen vor, Bodyguards sprangen heraus, öffneten Wagentüren, alles ging sehr schnell. Plötzlich ein einzelner schriller Schrei: Da ist er! Leonardo DiCaprio. Wenige eilige Schritte, dann war er drin: Kein Winken, kein Lächeln für die Fans und schon gar kein Autogramm.

Auf dem Marlene-Dietrich-Platz hatte noch niemand mitbekommen, dass der "Beach"-Boy bereits da war. Dort standen noch immer einige hundert Menschen, darunter die vielen Mädchen mit ihren blassen Gesichtern und roten Nasen, Liebesbriefe an DiCaprio ("For the sweetest boy in the world") und Autogrammbüchlein in den klammen Fingern. "Der ist doch noch nicht drin, oder?" Nach fast zwölf Stunden des Wartens verließ Nadine nun doch der Mut. Und als sie ihren Star auf der Videowand sah, auf der die Pressekonferenz übertragen wurde, war ihr klar: Er hat sich still durch den Hintereingang reingeschlichen. Die anderen Mädchen, enttäuscht auch sie, kreischten trotzdem, wann immer DiCaprio in Nahaufnahme gezeigt wurde. Doch bei aller Begeiesterung, es blieb eine Sorge: "Wenn der sich jetzt nicht mehr zeigt ... So fies kann er doch nicht sein." Doch, er kann.

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