Berlin : Er kriegt ständig einen geklebt

4 500 Exponate sind auf den 90 Quadratmetern: Oliver Baudach hat in Friedrichshain sein Stickermuseum eröffnet.

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Er war noch ein Teenager, da fuhr Oliver Baudach mit seinem Taschengeld in die nächstgrößere Stadt seines Heimatortes nahe Speyer in der Pfalz, ging dort in die Sportabteilung eines großen Kaufhauses – „oben, im vierten Stock“ – und erstand endlich den heiß ersehnten Geldbeutel einer Skateboardfirma. Darin steckte ein Werbesticker mit schwarz-weißem Totenschädel und dem Markenschriftzug. 30 Jahre ist das her. Der Sticker hängt jetzt gerahmt direkt hinter dem inzwischen 43-jährigen Baudach an der Wand. „Mit ihm habe ich angefangen zu sammeln.“

Der Totenkopf ist in guter Gesellschaft: farbenfrohe Comicfiguren, Grimassen schneidende Vögel, freundlich dreinblickende Monster, Katzen und fantasievolle Schriftzüge drängen sich an den Wänden derAusstellungsräume. Das „Hatch Stickermuseum“ hat am Freitag in Friedrichshain erneut eröffnet, nachdem es ein Jahr lang geschlossen war. Es ist die erste dauerhafte Stickerausstellung. Baudach weiß weltweit nur von einem weiteren Stickermuseum, das gerade in Indonesien eröffnet hat.

Etwa 4 500 Exponate sind auf den 90 Quadratmetern untergebracht, schätzt er. „Das hat mich schon immer fasziniert: Kunst in so einem kleinen Format.“ Die Ausstellung in den zwei Museumsräumen beginnt mit den Anfängen der Stickerkultur, die mit dem Boom der Skateboardszene in den USA der 70er Jahre einhergingen. Künstler gestalteten kreative Designs für die Boards, die Skatefirmen bedruckten später Aufkleber mit den Motiven und verbreiteten sie zu Werbezwecken.

Der hintere Ausstellungsraum zeigt nichtkommerzielle Werke. Dazu gehören Sticker von Streetart-Künstlern wie Haevi, Ping Pong und Tower – „Berliner Größen“, wie Baudach sagt – genauso wie das Werk eines zehnjährigen Museumsbesuchers, der vor zwei Jahren regelmäßig kam und schließlich seine eigenen ersten Versuche mitbrachte. „Der weiß noch gar nicht, dass das jetzt hier hängt“, sagt Baudach und freut sich schon auf die Reaktion des jungen Künstlers.

Den Zugang zur Stickerszene hat auch Baudachs beruflicher Laufweg gefördert. Musste er als kleiner Junge noch in Skateshops darauf hoffen, dass die Verkäufer ihre Schätze herausrückten, machte er später seine Lehre zum Einzelhandelskaufmann in einem Skaterladen und saß damit direkt an der Quelle. Seit er 2008 das Stickermuseum betreibt, schicken Künstler aus der ganzen Welt ihre Werke per Post direkt nach Friedrichshain. „Das sind supergeile Momente, wenn man auf der Straße einen Hammer-Sticker sieht und ein paar Tage später liegt der bei dir im Briefkasten“, sagtBaudach.

Seine Sammlung bewahrte er zunächst in Briefumschlägen, dann in Schuhkartons auf. Als er 2000 nach Berlin kam, wurde ihm erst bewusst, wie groß die Stickerkultur ist. „Ich hatte den Eindruck, dass die ganze Stadt vollgeklebt ist.“ So kam die Idee zum Museum. Zur Finanzierung verkauft Baudach Sticker über einen Onlineshop auf seiner Internetseite.

Als die Sammlung einige Jahre danach bis unter die Decke reichte, mietete er größere Räume – und übernahm sich damit. Ende 2012 musste er schließen. Als Baudach jedoch im Sommer darauf mit seiner Sammlung in die USA eingeladen wurde, mit 700 Stickern im Gepäck nach New York reiste und dort einen Vortrag über die Stickerkultur hielt, schöpfte er neuen Mut. Zurück zu Hause überarbeitete er die Sammlung, erstellte einen Museumsguide mit Hintergrundinfos, mietete Räume und erneuerte die Webseite, die ab sofort auch das Aufkleberlexikon „Stickerpedia“ beinhaltet.

Einen Traum hat Baudach noch: Vor Jahren hat er in Friedrichshain einen Sticker auf der Straße gesehen: ein Soldat aus der Filmreihe „Star Wars“ mit rotem Kussmund auf dem Helm. Bislang blieben alle Bemühungen erfolglos, den Künstler ausfindig zu machen. Aber wer weiß, vielleicht liegt der Aufkleber eines Tages doch noch bei Baudach im Briefkasten.

Hatch Stickermuseum, Schreinerstr. 10, Friedrichshain, geöffnet Mittwoch bis Samstag, 12 bis 18 Uhr, Eintritt: 3,50 Euro. www.hatchkingdom.com

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