Berlin : Er war ein Berliner

Die Stadt verliert einen Ehrenbürger, der schon früh Brücken baute zwischen Ost und West

Elisabeth Binder

Johannes Rau brachte ein völlig neues Bundespräsidentengefühl in die Stadt. Das lässt sich nicht auf die Begriffe „menschlich“ oder „volkstümlich“ reduzieren, obwohl die den Kern schon tangieren. Er hatte eine junge Familie und setzte neue Akzente. Seine Kinder und seine unprätentiöse Art des Auftretens haben dazu beigetragen, dass der passionierte Wuppertaler schneller heimisch wurde, als er selbst es anfangs für möglich hielt.

Worte über Scooter, den Familienhund, spielten ihn rasch in die Herzen der einschlägig vernarrten Berliner: „Als Hund ist er eine Katastrophe, als Mensch unersetzlich.“ Klaus Wowereit schilderte anlässlich von Raus Ernennung zum Ehrenbürger der Stadt im März 2004 dessen Wandlung vom „Vernunft-Berliner“ zum „stillen, aber engagierten Berlin-Liebhaber“. „Berlin trauert um seinen Ehrenbürger“, sagte Wowereit gestern und lobte den Verstorbenen als „eine überragende politische Persönlichkeit unseres Landes“. Der SPD-Landesvorsitzende Michael Müller hob Raus „aufrichtigen Umgang mit der deutschen Geschichte“ hervor.

Schon lange vor der Wahl zum Bundespräsidenten hatte Johannes Rau Wurzeln in dieser Stadt. Als unmittelbar nach dem Mauerbau der spätere Bischof Kurt Scharf von seiner Ost-Berliner Wohnung abgeschnitten war, hat er für ihn wichtige Unterlagen geholt. Später war er der erste westdeutsche Ministerpräsident, der Ost-Berlin besuchte und sich dort still und effektiv für bedrängte Mitmenschen einsetzte.

Er konnte sich zurücknehmen, unterstützte seine Frau Christina bei ihren Wohltätigkeitsprojekten und war sich nie zu fein, auch mal bei einer Modegala mitzumachen. Wahrscheinlich hätte er auch Weltmeister im Anekdotenerzählen werden können. So viele menschliche Geschichten, auch selbstironische, auch komisch verzweifelte, gleichzeitig stolze über die temperamentvolle Familie wird das Schloss Bellevue wohl nicht wieder zu hören bekommen. Oft überraschte Johannes Rau seine Zuhörer mit poetisch formulierten Liebeserklärungen an seine Frau Christina, die für ihn die „größte lebende Deutsche“ war.

Seine Bibelkenntnisse waren legendär, aber er konnte Highlights christlicher Kultur auch ganz dezent vermitteln. Einmal im Jahr lud er die ausländischen Spitzendiplomaten zu einer Art Klassenausflug ein. Im Sommer 2003 ging’s nach Leipzig, und dort saßen dann unter anderem auch Repräsentanten aus Ländern wie Iran und Nord-Korea eine halbe Stunde lang einträchtig in der Kirche zusammen und lauschten den Thomanern. Auf dem Rückflug nach Berlin nannte ein irischer Diplomat ihn einen pastoralen Präsidenten. Mit Johannes Rau hat Berlin einen Ehrenbürger verloren, der in der Lage war, sein Leben und seine Talente gründlich auszuschöpfen.

Für die Berliner liegen Kondolenzbücher aus im Schloss Bellevue und im Säulensaal des Roten Rathauses. Im Schloss Bellevue von heute bis Montag, jeweils zwischen 10 und 18 Uhr, im Roten Rathaus heute nach der Eröffnung der Langen Nacht der Museen und ab Montag zwischen 9 und 18 Uhr

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