Berlin : Er war ein ruhiger Nachbar

Spurensuche nach der Kreuzberger Schießerei: Was trieb den Schützen um, warum hat er geschossen? Die Polizei spricht von einer Beziehungstat

Tanja Buntrock,Werner Schmidt

Von Tanja Buntrock

und Werner Schmidt

Nach der Schießerei in Kreuzberg am Montagabend, bei der zwei Menschen starben, ist die Spurensuche in vollem Gang. Wer war der Schütze? Wer ist sein Opfer? In welcher Beziehung standen sie zueinander?

Die Tote heißt Regine H., sie war 39 Jahre alt und hinterlässt ihre Söhne Eduard und Jonathan, 19 und 15 Jahre. Der Schütze heißt Stefan H., 38, aus Treptow. Er hatte die scharfe Waffe legal in seinem Besitz (siehe Kasten). Die Polizei spricht von einer Beziehungstat.

Doch ob das Verhältnis noch bestand, dazu gibt es unterschiedliche Angaben. Der älteste Sohn sagt: „Die beiden hatten seit anderthalb Jahren eine sehr freundschaftliche Beziehung.“ In letzter Zeit soll es aber gekriselt haben. Mehr will er nicht sagen. Außer, dass er Stefan H. seltsam fand. „Der hatte sein Leben nicht im Griff, glaube ich. Vielleicht fühlte er sich durch seine Waffe stark.“ Dass ein anderer Mann im Spiel gewesen sein könnte, glaube er nicht.

Die Mutter der Toten ist auch bei ihren Enkelkindern in der Altbau-Wohnung in der Manteuffelstraße in Kreuzberg. Sie will nichts erzählen: „Ich habe bereits alles einem Fernsehsender gesagt.“ Der Nachbar, der einen Stock höher wohnt, hat Regine H. nur flüchtig gekannt. Von der Schießerei habe er im Radio gehört, aber dass das Opfer in seinem Haus wohnt, das wusste er nicht. Regine H. sei eine nette Frau gewesen, aber recht verschlossen. Gelegentlich habe ein Mann in einem Sportwagen sie am Haus abgesetzt, aber ob das ihr Freund gewesen sei, wisse er nicht.

Besuch in Treptow, in einer ruhigen, grünen Altbaugegend. Hier wohnte der Täter Stefan H. seit einigen Jahren in einem Hinterhaus in der Bouchéstraße: Einzimmerwohnung, 33 Quadratmeter, 250 Euro. Der Hausmeister Daniel F. (29) und seine Freundin Daniela L. (22) wohnten Tür an Tür mit ihm. Auch sie haben die Nachricht aus dem Radio und sind völlig verstört darüber, dass ihr Nachbar der Schütze gewesen sein soll. Er sei eigentlich ein ganz netter Typ, sagen sie. Morgens sei er meist schon früh aus dem Haus gegangen und abends recht spät zurück gekommen. Häufig brachte er seine Freundin mit. Besondere Vorkommnisse gab es eigentlich nie. Nur an ein einziges Mal erinnert sich Daniel F.: Da hatte sich Stefan H. wohl mit seiner Freundin gestritten und in seiner Erregung sein Handy aus dem Fenster geworfen. Der Hausmeister traf Stefan H. später, als dieser das Telefon im Hof suchte.

Die meiste Zeit sei es in der Wohnung nebenan aber ruhig gewesen: Keine laute Musik, keine Partys. Die Eltern von Stefan H. sollen in Reinickendorf wohnen und zurzeit im Urlaub sein. „Die haben wir hier nie gesehen“, sagt der Nachbar.

Zwei Menschen überlebten die Bluttat in Kreuzberg schwer verletzt, darunter ein 43 Jahre alter Polizist vom Abschnitt 53. Als dieser Stefan H. festnehmen wollte, schoss er ihm kaltblütig in den Bauch. Werden Polizisten auf solche Situationen vorbereitet? Durch Rollenspiele und Trainings werden Streifenpolizisten mit Situationen konfrontiert, denen sie auch im Alltag ausgesetzt werden könnten. Aber „jede Situation ist anders, man muss sich immer auf etwas Neues einstellen“, sagte ein Ausbilder. Trotz aller Vorsicht und Sorgfalt könne man nicht jede mögliche Situation trainieren.

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