Berlin : „Er war für die Menschen da“

Hunderte trugen sich im Schloss Bellevue ins Kondolenzbuch für den verstorbenen Johannes Rau ein – obwohl sie dafür lange anstehen mussten

Claudia Keller

Ein junger Mann hat sich für den Besuch im Schloss Bellevue sein blaues Pfadfindertuch um den Hals gebunden. „Johannes Rau war für uns ein moralisches Vorbild“, schreibt er mit schwarzer Tinte in das Kondolenzbuch. Hinter ihm warten etwa 80 Menschen, die ebenfalls von dem früheren Bundespräsidenten auf diese Weise Abschied nehmen wollen.

Die Eleganz der herrschaftlichen Empfangssäle im Erdgeschoss des Schlosses erleichtert den Menschen das Warten. Der Blick wandert über Ölgemälde aus der Romantik, streift die schweren Teppiche oder die Vasen, die Tische aus edlen Hölzern schmücken. „Sich in das Kondolenzbuch einzutragen, ist auch eine gute Gelegenheit, mal ins Innere des Schlosses zu schauen“, sagt ein Mann in Jeans und Parka und mit iPod im Ohr.

„Wenn Kindern nur Wissen, aber keine Werte vermittelt werden, wächst eine Generation heran, die von allem den Preis kennt, aber von nichts den Wert“, hat Rau einmal gesagt. Viele, ganz unterschiedliche Menschen haben ihn geliebt für solche Einsichten. Alte und junge, sowohl die, die gestern in feinen Kaschmirmänteln ins Bellevue kamen, als auch die in alten Kunstlederjacken. Alle reihten sich zum Kondolieren ein. „Rau wusste, worauf es ankommt“, sagt eine Rentnerin, „er war für die Menschen da und nicht so kalt und abgehoben wie die meisten Politiker“. Ein Ehepaar aus Leipzig ist Rau dankbar, dass er „viel für die Einheit getan hat“.

Lange sitzt ein Professor der Freien Universität an dem kleinen Tisch, auf dem das Kondolenzbuch liegt. Daneben steht ein Sträußchen mit weißen Rosen. „Alles geben die Götter ihren Lieblingen ganz. Alle Freuden, alle Schmerzen, ganz“, schreibt der Kulturwissenschaftler ins Buch. Mit diesen Zeilen von Goethe möchte er sich von seinem „rheinischen Landsmann“ verabschieden.

Auf einmal eilt eine Gruppe von fünf Männern an den Wartenden vorüber, einige haben Plastikstecker im Ohr, alle tragen schwarze Anzüge. Einer löst sich aus der Gruppe, setzt sich an den Tisch und schreibt: „In Dankbarkeit und Anteilnahme nehme ich Abschied von einem bedeutenden und menschlichen Politiker.“ Dann ist Verteidigungsminister Franz Josef Jung mit seinen Sicherheitsleuten wieder zur Hintertür hinaus.

Am Abend dann können sich die Berliner auch im Roten Rathaus in ein Kondolenzbuch eintragen – während der Langen Nacht der Museen. Schon Minuten nach Öffnung reicht die Schlange quer durch den Säulensaal im ersten Stock. Joachim Elsner aus Charlottenburg trägt sich als einer der ersten ein, „weil das ein direkter, natürlicher Mensch war, ganz ungewöhnlich für einen Politiker.“ Und Karsten Prey aus Reinickendorf hätte mit Rau „gerne mal ein gutes Glas Wein getrunken“.

Das Kondolenzbuch im Schloss Bellevue liegt noch heute und am Montag aus (jeweils 10 bis 18 Uhr). Ab Montag kann man sich auch wieder im Roten Rathaus in ein Kondolenzbuch eintragen (9 bis 18 Uhr).

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