Berlin : Erarbeitete Erinnerung

Im Abgeordnetenhaus ist zu sehen, was Jugendliche über die Nazizeit denken

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Sandra, Mathias und Michael haben sich das Thema Nationalsozialismus auf besondere Art erarbeitet: mit Hammer, Pinsel und Säge. Vergangenen September haben Lehrlinge des Oberstufenzentrums im brandenburgischen Velten zusammen mit Lehrlingen einer Bremer Schule eine Woche in der Gedenkstätte des Konzentrationslagers Sachsenhausen renovieren geholfen. Sie besserten die Außenmauer aus und verputzten sie, strichen Toilettenräume, reparierten Tore. Das Material dafür haben sie mitgebracht, und jeder hat für die Woche Arbeit 75 Euro bezahlt. Warum tun 19Jährige so was? In einer Ausstellung im Abgeordnetenhaus finden sich Antworten.

Die Lehrlinge und mehr als 500 andere Jugendliche, darunter viele Berliner Schüler, haben sich an dem Projekt „denk!mal“ beteiligt, zu dem Parlamentspräsident Walter Momper (SPD) aufgerufen hatte. Zur Abschlussveranstaltung gestern sind Sandra, Mathias und Michael nach Berlin gekommen.

Für das Projekt haben sich die Jugendlichen viele Gedanken über Nationalsozialismus, Rassismus und Rechtsradikalismus gemacht, sie haben Zeitzeugen getroffen, einige fuhren nach Auschwitz. Was sie erlebt haben, kann man in Gedichten, Essays und Interviews nachlesen, auf Fotos und Zeichnungen sehen. Ein Zehntklässler schreibt über den Besuch in Auschwitz: „Eigentlich sieht das Lager nicht furchterregend aus.“ Als er von einem alten Mann erfährt, was dort passiert ist, kriecht das Grauen in ihm hoch. „Inmitten zwitschernder Vögel höre ich in Gedanken die Todesschreie“, endet sein Text. „Man braucht Orte, um sich an das Schreckliche zu erinnern, das passiert ist“, sagt Michael. Seit elf Jahren fahren Lehrlinge aus den beiden Ausbildungszentren Velten und Bremen nach Sachsenhausen. Für die Arbeiten, die sie verrichten, hat das Land kein Geld. „Je schneller das Grauen vergessen wird, umso schneller kann es sich wiederholen“, sagt Mathias. Das will er unbedingt verhindern. clk

Bis 18. Januar außer Sa und So, 9 bis 18 Uhr, Casino im Abgeordnetenhaus, Niederkirchnerstr. 5, Mitte.

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