Erfahrungsbericht Familienhilfe : Hilflose Helfer – Wenn Politik den Missstand verwaltet

22.08.2011 13:26 UhrVon Barbara Schönherr

Familienhelfer sollen eingreifen, wenn Eltern und Kinder miteinander überfordert sind. Doch das System der freien Träger, denen Berlin allein im vergangenen Jahr 408 Millionen Euro gab, hilft nicht den Menschen, sondern sich selbst.

Wolfgang Hinte ist regelmäßig in Berlin. Auch dieses Mal hat er wieder Termine bei Trägern der Erziehungshilfen. „Es gibt in Berlin inzwischen 785 freie Träger für Erziehungshilfen, ich bin der Meinung, es gibt zu viele. Eine Familienhilfe dürfte nicht länger als sechs Monate dauern, manchmal würden schon vier Wochen reichen. Man muss mit einer klaren und konsequenten Handhabung an die Fälle herangehen, und das fängt beim Hilfeplan an.“
Hinte sieht auch eine Schwierigkeit in der Überforderung der Jugendamtsmitarbeiter durch zu viele Fälle, die dann auf die freien Träger verteilt würden. „Wie sollen die denn gut erarbeitete Hilfepläne mit allen Beteiligten erstellen? Die Zeit haben die gar nicht.“ Dass die auf Senatsebene erarbeiteten fachlich hervorragenden Rahmenverträge nicht umgesetzt werden, überrascht Hinte nicht. „Da müsste man dann wieder Kontrollinstanzen einsetzen, und das will keiner bezahlen. Ein effizienteres und gleichzeitig effektiveres Modell wäre: Mehr Jugendamtsmitarbeiter mit niedrigerer Fallbetreuungszahl und weniger freie Träger, aber die dann mit festem Budget. Denn am Ende kostet das Ganze, wie es jetzt stattfindet, weit mehr. Aber darüber rede ich mir schon seit Jahren den Mund fusselig.“
Dass unter solchen Voraussetzungen die Sozialbranche in den vergangenen fünfzehn Jahren siebenmal schneller gewachsen ist als die gesamte Wirtschaft, ist kein Wunder. Die Hilfsindustrie setzt in Deutschland inzwischen 115 Milliarden Euro um, 80 Milliarden davon zahlt der Steuerzahler. Das kann niemandem egal sein. Der Staat steuert die Ausgaben nicht, aber der Bürger hat einen gesetzlichen Anspruch auf „Hilfen zur Erziehung“. Auf dessen Erfüllung stürzt sich ein boomender Markt mit mehr finanziellen als fachlichen Motiven. Und eine Fachaufsicht über das Jugendamt gibt es auch nicht.
Das Ergebnis davon bekomme ich bei einer Anfrage an den Stadtrat für Jugend des Bezirks Charlottenburg zu spüren. Reinhard Naumann möchte kein Gespräch mit mir führen, ich hätte doch bereits „so ausführlich“ mit der Jugendamtsdirektorin gesprochen. Und das, obwohl ich ihm die vertraglichen Verstöße des Trägers schriftlich mitgeteilt habe. Die Jugendamtsdirektorin erwidert auf meinen Hinweis, dass es keine Dokumentation der Hilfen gibt: Es werde doch ein halbjährlicher Bericht abgeliefert. Ich habe noch mitbekommen, wie dieser Bericht zu einem minimalistischen Ankreuzzettel abgespeckt und damit nichtssagend wurde, weil die Familienhelfer darin ihren eigenen Erfolg/Nichterfolg selbst beurteilen. Außerdem sollte eine Jugendamtsdirektorin einen Bericht von der Dokumentation einer Arbeit unterscheiden können. So steht es jedenfalls in den Qualitätsstandards, die sie offenbar nicht kennt.


Wie ich aus meinen Gesprächen feststellen muss, klaffen die Ansichten der Senatsabteilung und der ausführenden Ämter weit auseinander. Also investiert man auch in die Schulungen umsonst, wie schade. Wenn die Verantwortlichen in den Leitungsfunktionen des Jugendamtes keinen fachlichen Anspruch haben, wie sollen den dann die Sozialarbeiter haben? Trotzdem verstehe ich nicht, dass ausgerechnet sie das alles mitmachen. Letztlich sind sie es doch, die verantwortlich gemacht werden, wenn etwas schiefgeht. Und dass sich so viele Sozialarbeiter fatalistisch den Umständen fügen, um dem Druck, den die freien Träger ausüben, auszuweichen, führt um so mehr dazu, dass sie an ihrem Beruf verzweifeln. Sie können nicht vernünftig arbeiten, nehmen die ganzen Probleme in sich auf und mit nach Hause. Am Ende fühlen sie sich ausgebrannt, nicht wegen zu viel harter Arbeit, sondern wegen zu viel unnützer Arbeit mit einem zweifelhaften Ziel, das nichts zu tun hat mit ihr eigentlichen Aufgabe. Aber so ist das eben: Wer anderer Leute Seele verkauft, der verkauft am Ende auch seine eigene. Am traurigsten war für mich, dass ich die Not meiner Klienten mit dieser Art von Hilfe buchstäblich chronisch mache. Und ich ihnen nichts zutrauen darf. So wird der Schrei nach Hilfe nicht leiser, sondern immer lauter und lauter. Und verhallt dann trotzdem – vor den hilflosen Helfern.

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