Erfahrungsbericht : Wohnungssuche in Berlin

Die Wohnungssuche in Berlin kann ein Abenteuer sein. Seit Wochen suche ich nach einer neuen Bleibe, bisher erfolglos. Aber ein Gutes hat es: Ich habe mehr Leute kennengelernt als je zuvor.

Janina Guthke

Es ist ein ganz normaler Sonntagmorgen. Fast zumindest. Denn statt lange auszuschlafen, ein spätes Frühstück zu genießen und dabei in der Sonntagszeitung zu blättern, stehe ich auf der Straße. Wortwörtlich. Immerhin - ich bin nicht allein. Mit mir warten noch rund 15 andere auf den Vermieter, der uns eine angebotene Wohnung zeigen sollte - vor zehn Minuten. Willkommen bei der Wohnungssuche in Berlin.

Dabei ist es nicht wichtig, wo in Deutschland die Wohnung liegen soll oder wie viel sie höchstens kosten darf. Wohnungssuche ist und bleibt ein Abenteuer. Nach weiteren zwanzig Minuten - es regnet - taucht der Vermieter schließlich auf. Die Anzahl der Wartenden ist zwischenzeitlich auf etwa 20 gestiegen und wieder auf elf gefallen, inklusive meiner Wenigkeit. Langer Atem zahlt sich eben aus, steht auf unseren Gesichtern zu lesen. Also nichts wie hinein in die gute Stube, die zukünftig die meinige sein soll - mein Schlupfloch, mein Rückzugsort, mein Zuhause. Doch nach weiteren fünf Minuten des Wartens, diesmal im Treppenhaus, stellt sich heraus, der Vermieter hat den Schlüssel vergessen.

Wohnungssuche als Geschäftsidee

Ein Synchronseufzer geht durch die kleine Gruppe. "Wir treffen uns also nächste Woche wieder hier?", frage ich Elisa. Sie antwortet wie die anderen Male zuvor lächelnd: "Ich hoffe nicht!" Zu diesem Zeitpunkt sind wir uns dreimal vor einer Wohnung begegnet. Vielleicht werden wir noch Freunde, natürlich erst, wenn wir jeder eine eigene Wohnung haben. Oder zusammen in einer WG wohnen.

Sowieso: Vergesst Singlebörsen, Speed-Dating und Supermärkte. Die Wohnungssuche ist die ideale Strategie, um Menschen kennenzulernen. Zur Besichtigung einer kleinen 1-Zimmer Wohnung kommen entweder sehr verliebte Pärchen, die man getrost ignorieren kann, oder Singles. Der Kompatibilitätsfaktor sollte doch hoch sein, wenn man schon in dergleichen Gegend, ja sogar in derselben Wohnung leben möchte. Die Ansprüche sind also schon einmal recht nah beieinander, das Einkommen ist es höchstwahrscheinlich auch.

Vielleicht sind Singlepartys mit gleichzeitiger Wohnungsbesichtigung eine neue Geschäftsidee? Ich habe jedenfalls beschlossen, auch dann noch auf Wohnungssuche zu gehen, wenn ich bereits eine Wohnung habe. Zum einen könnte ich dann die armen von Obdachlosigkeit bedrohten Wohnungssuchenden bemitleiden. Doch vor allem kann ich auch interessante Menschen kennenlernen.

Die Wohnungssuche könnte wirklich Spaß machen, wenn da nur nicht die Suche nach der richtigen Wohnung wäre! Statt nur Abkürzungen in Zeitungen zu lesen, kann man inzwischen auf einschlägigen Internetportalen nach Wohnungen suchen. Sogar Fotos gibt es, die eine Wohnungsbesichtigung eigentlich überflüssig machen sollen.

Da hilft auch kein Photoshop

Mit diesem Gedanken ziehe ich an einem Wochenabend los, um mir die Wohnung, die ich bereits von acht Fotos her kannte, nur noch einmal kurz anzugucken und gedanklich schon einzurichten. Als ich dann mein zukünftiges Domizil betrete, stehe ich plötzlich wieder auf dem harten Boden der Tatsachen. "Irgendwie wirkte die Wohnung auf den Fotos größer", erkläre ich dem Vermieter, dem ich am Telefon beinahe eine feste Zusage gemacht hatte. Doch in einem Badezimmer stehend, in dem ich zwar nicht umfallen, mich aber auch kaum drehen kann, ändere ich meine Meinung. Da helfen auch die bösen Blicke des Vermieters nicht.

Weiter geht es zum nächsten Einzeltermin, diesmal hatte ich keine Fotos gesehen. Zumindest konnten so keine bereits entstandenen Wohnungstraumblasen zum Platzen gebracht werden. Schon beim Betreten der Wohnung weiß ich, warum es keine Fotos gibt. Nicht einmal der beste Fotograf der Welt hätte hier ein anständiges Bild zaubern können, auch nicht mit Photoshop. Ungläubig stolpere ich über einen kaputten Betonboden und blicke auf Löcher mit Wänden drumherum. "Es müsste schon noch etwas gemacht werden", sagt die Vermieterin ohne rot zu werden und ruft mir im Gehen noch hinterher: "Dafür ist die Lage schön!"

Die nächste Wohnung soll in der Ohlauer Straße direkt am Ufer liegen, ein Traum. Es ist dunkel, als ich mir mein zukünftiges Domizil angucke und in der Wohnung gibt es keine Glühbirnen. Trotzdem kann ich jede Einzelheit in der Einzimmerwohnung sehen. Kein Kunststück, direkt vor dem Balkon prangt ein riesiges, leuchtendes "L" aus dem "Plus"-Schriftzug an der Häuserwand. "Na dann spart man sich die Stromkosten", erklärt der Makler, der auch Schrottautos verkaufen könnte. Ich gehe wortlos. Als ich um 22:30 Uhr in meinem Noch-Domizil ankomme, kann ich darüber auch wieder lachen.

Ich will mein Leben zurück

Zugegeben, man lernt auch furchtbare Menschen kennen. Mitsuchende stellen Fragen wie "Kreuzberg ist gar nicht in Mitte?", "Ist das gar keine Zweizimmerwohnung?" oder - mein bisheriger Favorit - "Ach Hinterhaus, das liegt gar nicht an der Straße?". Auch die Vermieter tragen gerne einmal zur Belustigung und/oder Empörung bei. Solche, die ernsthaft erklären, die Sonne scheine zwar nur eine Stunde in die Wohnung, aber die sei dennoch recht hell. Oder eben jene, die den Schlüssel nicht dabei haben.

Am Sonntagnachmittag darauf treffen Elisa und ich uns vor besagter Wohnung wieder, nachdem wir uns am Morgen schon bei einer anderen Besichtigung gesehen hatten. Der Vermieter ist diesmal pünktlich und er hat tatsächlich an den Schlüssel gedacht. Mit 15 anderen stürmen wir die Wohnung. Das Badezimmer ist toll, die Küche ein Traum, doch das Zimmer …. Manche Menschen haben größere Kleiderschränke.

Elisa geht sofort zur nächsten Besichtigung, doch mir ist nach Aufgeben zumute. Ich habe genug von Vermietern, die Angebote ins Netz stellen und dann nicht ans Telefon gehen, von Wohnungen, die eine tolle Lage haben sollen und dann am falschen Ende der sehr langen Straße liegen, und auch davon, meine gesamte Freizeit und mein Privatleben in die Suche zu investieren. Eine Mitsuchende scheint mir mein Unglück anzusehen. "Irgendwann betrittst du eine Wohnung und es macht Klick", sagt sie, "dann hast du deine Wohnung und auch dein Leben zurück." Bis dahin sehe ich sie sicher noch häufiger.

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