Berlin : Erfinderin: Bauklötzchen staunen

Steffi Bey

Ein kurzer Windstoß würde die Arbeit von Monaten vernichten. Die vielen bunten Pappen in Lore Thier-Schroeters Wohnung wirbelten durcheinander, und niemand könnte mehr die unterschiedlichen Motive erkennen. Von den kunterbunten Tieren, den Blumen und den winzigen Fahrzeugen bliebe nur ein Chaos. Doch die 73-Jährige Spieleerfinderin ist vorsichtig. Nicht einmal Staub gewischt hat sie in den vergangenen Wochen, damit ihre fantasievollen Gebilde nur ja nicht durch eine falsche Bewegung verrutschen.

Lore Thier-Schroeter sitzt gerade an einer neuen Idee. Sie gestaltet aus eckigen und runden Holzplättchen unterschiedliche Motive. Mal legt sie mehrere Dreiecke so nebeneinander, dass ein Schmetterling entsteht. Anschließend werden sie zu einer Mühle aufgebaut, zu Giraffen oder einem Schiff. Monatelang hat sie an den Figuren getüftelt: verändert, getauscht, zurechtgerückt, bis es ihr irgendwann gefallen hat. Dann wurde alles aufgeklebt und fotografiert. Ihr Ehemann half als kritischer Beobachter. Nun werden ihre Motive demnächst als Spielanleitung erscheinen.

"Eigentlich habe ich überhaupt nichts Neues erfunden, sondern die Ideen von Friedrich Fröbel weiterentwickelt", sagt die promovierte Pädagogin. Schon während ihrer eigenen Ausbildung war sie von dem Mann aus Bad Liebenstein, der unter anderem als Erfinder des Kindergartens gilt, begeistert. Fröbel betrachtete das Kind als denkendes, erkennendes Wesen, aber eben als Kind und nicht als kleinen Erwachsenen, sagt Lore Thier-Schroeter. "Das war neu für damals", umreißt die Marzahnerin das Verdienst des Pädagogen. Fröbel brachte den Mädchen und Jungen die klassischen Grundbausteine Würfel, Kugel und Walze nahe. So wie er verbindet die Marzahnerin das Spielen mit der Sprache, und hat sich Geschichten ausgedacht.

Aber nicht nur Kinder sind ihre Zielgruppe. Während Vorträgen und Seminaren für Erwachsen blickt sie immer wieder in erstaunte Gesichter. "Viele können sich nicht vorstellen, was man alles mit Bausteinen machen kann." Schon Anfang der 60er Jahre entwickelte Frau Thier-Schroeter einen Bausatz für Drei- bis Fünfjährige, der dann in vielen Kindergärten zu finden war. Später kamen dann Schmuckbausteine hinzu. Auch bei ihren eigenen Kindern und Enkeln beobachtete sie, wie sie mit einfachen Dingen intensiv spielen konnten. Deshalb kann sie die Zurückhaltung vieler Händler nicht verstehen, das traditionelle Spielzeug wie zu früheren Zeiten wieder ins Sortiment aufzunehmen.

Dabei wäre im nächsten Jahr die beste Gelegenheit, auf den Wert von pädagogischen Wert von Klötzchen und Co. aufmerksam zu machen "Dann jährt sich der Fröbels Todestag zum 150. Mal", sagt Lore Thier-Schroeter. Bis dahin wird die rüstige Rentnerin weiterhin mit ihrem vollgepackten 17 Kilogramm schweren Spielekoffer" zu Vorträgen reisen. Im vergangenen Jahr war sie damit sogar in Japan.

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