Berlin : Erfolg der harten Tour

365 junge Serientäter zählen die Ermittler inzwischen – und sehen dennoch Fortschritte: Die Justiz klagt schneller an und urteilt härter

Jörn Hasselmann

Die Härte der Justiz gegen jugendliche Serientäter zeigt Erfolge. „Es wird etwas ruhiger draußen“, sagte der Leitende Oberstaatsanwalt Manfred Schweitzer, – „aber nur solange, bis der nächste Häuptling nachgewachsen ist.“ Schweitzer ist Chef der Abteilung 47, die sich um Jugendliche kümmert, die mit einer Vielzahl von Straftaten auffallen. Ermittler der Kripo stimmen zu: „Wenn Intensivtäter weggefangen sind, haben wir ein, zwei Monate 20 bis 30 Prozent Rückgang bei der Straßenkriminalität“, schätzte ein Kommissariatsleiter. Dann schlüpfe die zweite Garde in die führende Rolle des inhaftierten Kumpel. Dazu sagt Oberstaatsanwalt Schweitzer trocken: „Dann fangen wir auch diesen Häuptling weg.“

Doch das ist eine Sisyphosarbeit. Staatsanwalt Roman Reusch aus der „I“-Täter-Abteilung schätzt das Täterpotenzial auf „einige Tausend“ in Berlin. Tatsächlich füllt sich die Kartei immer schneller: Derzeit sind 365 Täter verzeichnet. Mit einer derart hohen Zahl hatte die Abteilung 47 der Staatsanwaltschaft bei ihrer Gründung vor zwei Jahren nicht gerechnet. „Unsere Prognose war etwa 250“, sagt Manfred Schweitzer. Eine neue Prognose wagt der Oberstaatsanwalt nicht: „Keiner weiß, wo wir einmal hinkommen“. Nachschub gibt es genug: Am Mittwoch hat die Polizei einen als Serientäter bekannten 13-Jährigen erneut bei einem Diebstahl erwischt. Der Junge war am Vormittag bereits völlig betrunken und randalierte auf der Wache. „Bei dem warten wir nur darauf, dass er 14 wird“, sagte ein Ermittler. Also strafmündig.

Gestern wurde gegen vier libanesisch- stämmige Serientäter Anklage erhoben. Sie hatten im März mit einer Axt auf Zeugen eingeschlagen, die sie beim Diebstahl überrascht hatten. Früher sprachen Richter gegen straffällige Jugendliche zunächst allerlei „erzieherische Maßnahmen“ aus oder verzichteten auf einen Haftbefehl. Das hat sich geändert, lobte ein Kripobeamter. Jetzt werden sofort Jugend- oder Haftstrafen verhängt. „Alles andere ist bei Intensivtätern mittlerweile die Ausnahme“, sagt Staatsanwalt Reusch.

Von den 365 Tätern zwischen 14 und 21 Jahren sitzt derzeit etwa jeder Zweite in Haft. Auf 75 Prozent der Jugendlichen trifft die Charakterisierung „sitzt oder saß bereits“ in Haft zu. 410 Urteile wurden seit Juni 2003 gesprochen. Und die aus der Haft Entlassenen sind nach Einschätzung von Staatsanwalt Reusch danach deutlich vorsichtiger. „Haftstrafen schrecken auch die Kumpels ab“, sagt auch ein Kommissariatsleiter: „Die Härte hat sich rumgesprochen.“ „Ein oder zwei Jahre im Bau, davor haben 14-Jährige viel mehr Angst als ein Erwachsener“, ist die Erfahrung des Ermittlers.

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