Erfolg in der Hauptstadt : Was man von Berlin lernen kann

Berlin, die Stadt der Zugezogenen und Neu-Berliner. „Hier wird man nicht gefördert“, heißt es, „sondern gelassen.“ Acht Menschen schildern ihre persönlichen Stadtlektionen – und wie Berlin ihr Denken, ihre Kunst, ihre Arbeit beeinflusst.

Illustration: Véronique Stohrer

Man muss davon ausgehen, dass ein Ort etwas mit einem macht. Einen etwas lehrt. Einen zu einem anderen Menschen macht, womöglich gar zu einem besseren. Sonst würden ja gar keine Reisen unternommen, keine Aufenthaltsstipendien ausgeschrieben, Kulturinstitute gegründet, keine Stadtschreiber ausgerufen und Austauschprogramme aufgelegt. Hunderte Schulfahrten werden jedes Jahr nach Berlin unternommen in der Hoffnung eines Lernerfolgs. All dies fußt auf der Annahme, dass ein Ort einen etwas lehrt. Dass Erkenntnisse winken. Was aber winkt in Berlin?

Es ist Mitte der 90er, aber das spielt überhaupt keine Rolle, weil er ja jederzeit passieren kann, der Berliner Zugehörigkeitsmoment. Damals, vor einem Café am Chamissoplatz sitzend, drückten sich plötzlich Reisebusse zwischen den Altbaufassaden hindurch, und die Fahrgäste fotografierten: uns. Die wir gerade erst in Berlin lebten. Also uns als Berliner. Innerhalb kürzester Zeit hatte sich der Blick gedreht. Für die waren alle hier Berliner, eine Reise wert. So einfach war das also. Wer da ist, ist dabei.

Da sind alle diese Berliner Orte, die von außen für „so Berlin!“ gehalten werden. Da ist zum Beispiel das „Grill Royal“, ausgeheckt von einem Rheinländer, Teil eines originellen Gastro-Imperiums. Da ist der erste vegane Supermarkt, gegründet von einem Stuttgarter. Da sind die Berlin-Highlights der Architektur, von Reichstagskuppel und Jüdischem Museum bis zum Neuen Museum: kein Berliner Architekt dabei. Man pilgert in die Philharmonie, wo der berühmte, unverwechselbare „Berliner Sound“ der Philharmoniker erklingt, aber am Kontrabass zum Beispiel steht Edicson Ruiz, der in einem Armenviertel in Caracas aufwuchs. Die Neuerfindung des Berliner Tanzes betrieb Sasha Waltz, die aus Karlsruhe kam. Die „Berliner Gesellschaft“ traf sich im Garten des Managers Heinz Dürr, der kam aus Stuttgart und hatte als Erster in Berlin ein Haus von David Chipperfield bauen lassen, als den noch niemand kannte.

Die Leute kommen her – und verändern ihrerseits Berlin. So eine Definitionsmacht haben Zugereiste in keiner anderen deutschen Stadt, oder?

„Das machen wir hier nicht“, konnte er nicht sagen.

Helmut Kohl hatte den Manager Heinz Dürr aus Stuttgart gebeten, nach der Wende die Reichsbahn und die Bundesbahn zusammenzuführen. 500 000 Leute. Dürr bezog 1990 als ersten Dienstsitz das Büro von Markus Wolf in der ehemaligen Stasi-Zentrale. „Stasi-Vergangenheit?“, fragte er die Mitarbeiter im Osten. „Sie können überall Nein reinschreiben, wir haben die Akten vernichtet“, war die Antwort. Da ahnte Dürr, dass er hier mit den bewährten Rezepten nicht weit kommen würde.

An einem sonnigen Märztag sitzt er in seinem Büro und lässt den Rauch seiner Pfeife Richtung Decke kräuseln, von hier aus hat er den ganzen Gendarmenmarkt im Blick. Heide Dürr, die neben ihm sitzt, fingert einen Konferenzkeks aus der Packung. Sie war es, die aus dem Pflichtberliner einen Wahlberliner gemacht hat. Mitte der 90er rief sie den Architekten David Chipperfield in London an: ob er ein Haus in Dahlem bauen wolle. Why not?, fragte der.

Sie orderte hohe Wände für die moderne Kunst und bestand auf hellem Backstein. „Mein Mann musste ja arbeiten.“ Wen die Stuttgarter anschließend in ihren Garten luden, der gehörte zur Berliner Gesellschaft.

Vor 16 Jahren gründete Dürr den Berlin Capital Club mit, es gibt immer prominente Gastredner am Sitz im Hilton am Gendarmenmarkt, und die 1600 Mitglieder versuchen, das Beste aus der Fußläufigkeit zur Politik zu machen. „Obwohl es größer ist als Stuttgart, ist es konzentrierter“, sagt Heide Dürr über Berlin. Seit einigen Jahren unterstützen sie mit ihrer Stiftung örtliche Theater und ein frühkindliches Förderprogramm in Kitas.

Was hat er bei alledem gelernt? Dürr ist im angehängten Salonwagen der Reichsbahn gefahren, da war die Bahn noch der größte Grundbesitzer Berlins. Dürr begriff, dass er flexibler werden, generell großzügiger an Dinge herangehen musste. „Das machen wir hier nicht“, konnte er nicht sagen, wie er es in Stuttgart gesagt hätte.

Als nach der Wende der Bahntransport im Osten zusammenbrach, weil die Güter jetzt mit Lkws bewegt wurden, hatte er Loks übrig für den Westen. Aber die sturen Lokführer in Karlsruhe wollten mit den „kommunistischen Loks“ nicht fahren. „Schaut mal“, sagte er, „die Führerstände haben ein eigenes Waschbecken, das ist ja viel fortschrittlicher!“ Da stiegen sie auf.

Er lernte, Fragen zu stellen: „Die im Silicon Valley stellen Fragen, um dann die richtigen Antworten zu finden.“ Dürr ist jetzt 83 Jahre alt und natürlich noch Unternehmer. Gerade hat er sich an e-mio beteiligt, dem Unternehmen, das mit seinen Leih-Elektrorollern die Berliner Mobilität neu erfindet. Vielleicht fängt mit den Fragen alles an.

Wovon hängt ab, welche Fragen einer stellt, was einer hier lernt? Zum Beispiel davon, woher einer kommt, womit er es vergleicht. Deshalb vermischt sich für Edicson Ruiz der Kantinenduft in der Philharmonie mit seinem Deutschland-Bild. Ruiz gleitet nach der Probe in die Bank. Er ist verwachsen mit seinem Kontrabass, er erlebt Berlin in der zeitlichen Schablone der Übungszeiten, seitdem er 2003 mit 18 Jahren der jüngste Philharmoniker wurde, den diese je aufnahmen – und der erste Lateinamerikaner, zuständig für den unverwechselbaren Berliner Sound des Orchesters.

Wie man sich hier pflegt, auf das Essen achtet und den Körper in Schuss hält! Und die Ärzte erzählen wirklich etwas! Ruiz ist in Berlin hinabgetaucht in die Effekte der Vitamine A bis E. Diese Vitamin-Quinte. Ah, und die Benutzung von so etwas wie Zahnseide! Ruiz muss lachen. Musikalisch, sagt er, sei sein Ton noch immer zu rau.

Und dann die Gesetze: Sein von der Mutter getrennt lebender Vater hat nie irgendetwas gezahlt für den Sohn. Er dagegen war in Deutschland ein paar Jahre mit einer Frau verheiratet – und musste für die Scheidung 150 000 Euro zahlen. Er weiß nicht, ob das gut oder schlecht ist. Als Kind hätte es seiner alleinerziehenden, nachts durch Caracas Taxi fahrenden Mutter sehr geholfen, wenn der Vater zu zahlen verpflichtet gewesen wäre.

Aber an Berlin kann man sich nicht wärmen, sagt er. Je weiter man in den Norden komme, desto kühler würden die Menschen. „Hier habe ich gelernt, Distanz zwischen Menschen zu respektieren.“ Er umarmt zwar täglich seinen Kontrabass, aber die emotionale Wärme, die müsse man sich woanders suchen. Ruiz sagt, er habe hier Disziplin gewonnen und Spontaneität verloren. Er versucht, sich nicht langfristig zu verabreden, dann hat er oft gar keine Lust mehr, wenn er nicht spontan irgendwo hingehen kann. Und er schreibt so umwerfend herzliche E-Mails, dass man als Berliner Angst bekommt, er könne es ironisch meinen.

Illustration: Véronique Stohrer

Am Anfang steht in Berlin häufig ein tief empfundener Mangel. Und weil es kein anderer tut, muss man ihn selbst beheben. Barnaby Weiler gründete das „Berliner Klavier-Festival“, weil er fand, dass es in Berlin nicht genug Klavierabende gab. Ausgerechnet. Die Tür zu seiner Wohnung springt auf in Lichterfelde-West, und schon kullern laute, selbstbewusste Klaviertöne ins Treppenhaus. Der Klavierstimmer sei gerade da. Dass hier alle Handwerker so selbstbewusst seien, das sei bemerkenswert. Der Klempner: seit Jahren der gleiche. Der Schornsteinfeger: kennt den Schornstein schon länger, als Weiler hier wohnt. Was für ein Selbstbewusstsein der Arbeiter!

Weiler studierte Mathematik, weil in England nur der Akademiker etwas gilt. Im Nachhinein findet er das unnötig, er arbeitete in London kaufmännisch in einem Musikverlag, bis die Liebe ihn nach Berlin lockte. Einem Berliner wäre es wahrscheinlich niemals aufgefallen, dass Berlin ausgerechnet noch ein Klavierfestival fehlt. Ein Berliner hätte die Konkurrenz gesehen. „Konkurrenz?“, fragt Weiler entgeistert. Na gut, es gibt jeden Abend Veranstaltungen. Aber doch keine guten Liederabende! Er mietet den kleinen Saal im Konzerthaus, der den Vorteil einer intimen Atmosphäre bietet. Es beschäftigt ihn gut, er kann das um seine Kinder herum organisieren. Der Familienrat war einverstanden. Den Rest hält Weiler für kaum der Rede wert: Man muss mehr einnehmen, als man ausgibt. Woher soll er wissen, dass das in der Berliner Kultur schon eine große Hürde ist?

In London hätte er vielleicht gar nicht bemerkt, was fehlt. Es könnte ein Grund sein für den Erfindungsreichtum der Neu-Berliner, dass Leute von außen einfach mehr wahrnehmen. „Man kommt hierhin und sieht die Lücken.“

Im Radialsystem, an einer noch etwas räudigen Ecke Berlins, ist ein neuer Anbau kunstvoll auf einen Altbau gepfropft. In diesem aufgepfropften, veredelten Teil steht Sasha Waltz, Choreografin und Expertin für die Nutzung städtischer Lücken, am Fenster und blickt auf das andere Ufer der Spree. Sie beobachtet schon lange, wie sich die Entwicklung verlassener Orte entlang der Spree nach draußen drückt. Mit Verspätung landet sie heute in Treptow oder Oberschöneweide. Aber es ist noch immer möglich! Obwohl das Gelände der Eisfabrik gegenüber verkauft wurde, kommen ständig neue Zelte hinzu, temporäre Wohnungen. „Es gibt ein Gefühl von Freiheit in der Stadt“, sagt Waltz. Noch immer. Aber was genau macht diese Freiheit aus?

Schon oft ist das Lob der Lücke gesungen worden. Aber Brachen gibt es auch woanders. Eine Lücke in Eisenhüttenstadt ist trostlos, eine in Berlin ein Versprechen. Warum bloß ist das so, dass die Leere andernorts eine Verzweiflung, in Berlin aber eine Verheißung ist?

Illustration: Véronique Stohrer

Sasha Waltz kann nur sagen, wie es für sie war, als sie, die in Karlsruhe groß geworden war, aus New York nach Berlin kam: „Nach der Wende rief der Ostteil der Stadt danach, neu definiert, neu erschlossen zu werden.“ Es war die Zeit, als am Potsdamer Platz die Info-Box stand und die Leute an die Ränder der geschichtsbedingten Löcher pilgerten, um gemeinsam einen Blick in den Abgrund zu werfen. Ja, die Leere war Wunde, aber diese alte Scharte war inzwischen zur größten Baustelle Europas geworden.

Nichts ist ja nicht nichts. Nichts ist eine Möglichkeit. Waltz spürte wie viele den Sog der Leere. „Es gab in Berlin Räume, die haben gewartet.“ Sie nennt diese Lücken die „Voids“ in der Stadt. „Voids“, das war der Begriff, den 2001 der Architekt Daniel Libeskind für die architektonischen Leerstellen in seinem Jüdischen Museum in Berlin eingeführt hat. Dort bezeichnen sie eine absichtsvoll bestürzende Leere. Kleine Räume, aber sehr hoch. In aller Stille schreit darin das ausradierte jüdische Leben zum Himmel. Kurz nach der Eröffnung standen in diesen „Voids“ die ersten Besucher und brachen in Tränen aus.

Waltz empfand die Lücken, Brachen und verlassenen Gebäude als einzige große Aufforderung. Sie hat einmal durchgezählt, in 25 Jahren kam sie auf über 25 Spielorte, die sie betanzt hat. In den Hackeschen Höfen ein Studio, ein zweites, das Studio in der Bergstraße über dem WMF. Ein Jahr im Podewil, dann die Sophiensäle, die sie aufmöbelte und zu einem Veranstaltungsort umbaute. Die Umzüge hörten erst mit ihrem Engagement an der Schaubühne auf.

Für Sasha Waltz, na klar, ist der leere Raum eine Aufforderung zum Tanz. „Jede Bühne ist ein großer, leerer Raum, der sich immer wieder verwandelt.“ Leere vorher, Leere nachher. Waltz betanzt sie zwischendrin. Kraft, Absicht und Beherrschung sind in Berlin nicht selbstverständlich, sondern ein flüchtiges Phänomen, für das man eigens ein Ticket löst.

Waltz hat dazu ein eigenes Genre entwickelt: das leere Museum, den leeren Kulturort vor der Eröffnung durch Tanz in Besitz nehmen. 2001 hat ihre Compagnie zum ersten Mal vor der Eröffnung im Jüdischen Museum des Amerikaners Daniel Libeskind getanzt, der hier als 50-Jähriger sein erstes Gebäude als Architekt verwirklicht hatte. So Berlin! Sie tanzte im Neuen Museum, spektakulär umgebaut von dem Briten David Chipperfield. So Berlin! Und es ist Waltz’ eigene Berliner Form geworden, mit dem Ziel, Leere zu beseelen. Das Format exportierte sie und eröffnete 2009 das von Zaha Hadid gebaute Museum Maxxi in Rom, zuletzt tanzte sie vor der Eröffnung in der Hamburger Elbphilharmonie.

Waltz’ Tanz ist heute ein internationales Aushängeschild Berlins. Sasha Waltz kam vor bald 25 Jahren in die Stadt ohne Sperrstunde, heizte bis zur Jahrtausendwende mit Kohlen, noch nach Jahren wird sie im Bioladen nicht persönlich begrüßt, „herrlich“. Sie beobachtet, wie sich die Leute hier verwandeln, von ihren Heimatdialekten bleiben in Berlin „nur kleine Musiken“.

Sie sagt: „Ich konnte etwas entwickeln in mir, eine Idee, die ich mitgebracht hatte und hier entfaltet habe.“ Möglich war das alles nur, weil es damals im Prinzip keine Strukturen gab, sagt Waltz. Jedenfalls nicht für den Tanz. „Genau deswegen konnte ich eine Form finden, die es eigentlich noch gar nicht gab.“

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