Berlin : Erfolge bauen auf

Integration funktioniert, wenn der Kiez funktioniert, sagt Stadtentwicklungssenatorin Junge-Reyer

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Als Stadtentwicklungssenatorin sind Sie angetreten mit dem Ziel, dass sich jeder Berliner in seiner Nachbarschaft wohl fühlen soll. Das ist nicht überall der Fall, weil das Zusammenleben mit Ausländern nicht funktioniert. Was gibt es zu tun?

Wir müssen es schaffen, dass sich unterschiedliche Gruppen gemeinsame Ziele setzen. Wir haben beim Quartiersmanagement die Erfahrung gemacht, dass die Leute mit ein bisschen Geld zuerst ihr Umfeld verschönern, also Spielplätze aufmöbeln und Parks oder Gehsteige säubern. Im zweiten Schritt fragen Sie sich: Wo treffen wir uns, wie können wir Konflikte bewältigen? Und im dritten Schritt schließlich setzt man sich gemeinsame Ziele. Zum Beispiel: Wie können wir die Ausbildung unserer Kinder verbessern?

Dann klappt die Integration?

In vielen Fällen klappt das, es muss aber jemanden geben, der die Sache in die Hand nimmt, Anstöße liefert. Das war früher eine der klassischen Funktionen der Kirche, aber dieses Bindeglied gibt es in vielen Kiezen nicht mehr.

Wie bringt man Gruppen zueinander?

Aus dem Erleben, dass man gemeinsam etwas bewirken kann, finden Akteure dauerhaft zusammen und binden auch andere Gruppen ein.

Das scheitert oft schon an der Sprache.

Das stimmt. Wir haben in den letzten Jahren vernachlässigt, uns darum zu kümmern, wie Kinder ausländischer Herkunft möglichst schnell Deutsch lernen. Das war falsch. Jetzt müssen wir in den Kitas und Schulen die Kinder möglichst früh beim Deutschlernen unterstützen.

Die Sprachbarriere gibt es nicht nur in Quartiersmanagement-Gebieten. Probleme gibt es auch anderswo.

Wir sind dabei, bezogen auf die einzelnen Gebiete Berlins, nicht nur den sozialen Ist-Stand zu erfassen, zum Beispiel über den Sozialstrukturatlas. Wir bilden jetzt genauer die Veränderungen ab. Zum Beispiel: Wo steigt die Zahl der Sozialhilfeempfänger besonders stark? Wo wohnen viele Ausländer einer bestimmten Nationalität? In zwei Gebieten in Kreuzberg fangen wir gerade an, in kleinen Projekten mit Vereinen und freien Trägern zusammenzuarbeiten.

Gibt es besonders problematische Ethnien?

Es kommt immer darauf an, in welcher Situation sich die einzelnen Gruppen befinden. In manchen Kiezen prallen sehr unterschiedliche kulturelle Hintergründe aufeinander, zum Beispiel arabische und osteuropäische, die keinerlei Verständnis füreinander haben.

Wie wollen Sie da vermitteln?

Wir müssen die Grundsätze ändern. In der Vergangenheit haben wir Zielgruppen gefördert, damit sie ihre kulturelle Identität behalten. Jetzt müssen wir Ziele fördern. Wenn unterschiedliche Gruppen sich zusammensetzen, um sich darüber zu verständigen, wer wann welche Ansprüche auf den Park hat, dann ist das ein Ziel, das wir fördern sollten. Ich erwarte nicht, dass die Leute ihre kulturelle Identität aufgeben, aber ich denke, in der zweiten oder dritten Generation haben sich die Gruppen hinreichend definiert.

Was machen Sie, wenn jemand nicht mehr mit Ausländern zusammenleben will?

Dann nehme ich das ernst und frage mich: Warum ist das so?

Hat das schon jemand zu Ihnen gesagt?

Nein. Wir haben in Berlin noch keine Parallelgesellschaften, jedenfalls nicht derart, dass sie keinen Platz für andere lassen.

Ihre Überlegungen gehen über die klassische Stadtentwicklung hinaus…

Stadtentwicklung ist nicht nur das Gestalten von Gebäuden. Stadtentwicklung ist auch die Vermeidung von Ghettos. Wir haben in Berlin keine Ghettos, aber ich will über die soziale Stadtentwicklung dagegen arbeiten, dass einige Viertel stigmatisiert werden.

Welche Rolle spielen ihre Erfahrungen als Kreuzberger Sozialstadträtin?

Damals habe ich erfahren, dass es sehr wichtig ist, den Menschen, die sich für die Nachbarschaft engagieren, nicht nur Geld in die Hand zu geben, sondern sie auch an den Entscheidungen zu beteiligen. Daraus entsteht eine Verbindlichkeit zwischen Nachbarn und daraus wiederum eine Verpflichtung füreinander.

Das Gespräch führte Matthias Oloew.

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