Berlin : Erhaltung bewahren

Brigitte Grunert über die Sprache der Politiker

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RheinlandPfalz hat mit dem Verband Deutscher Sinti und Roma eine Vereinbarung über den Schutz der Sprache und Kultur dieser Minderheit geschlossen. Ministerpräsident Kurt Beck sagte, dies sei ein „klares Bekenntnis zum Erhalt der Kultur und der Identität der Sinti und Roma“. Gut und schön, nur im Deutschen gibt es hier ein kleines Problem.

Erhalt oder Erhaltung? Natürlich ist die Erhaltung der Kultur und Identität gemeint, denn diese sollen ja nicht empfangen, sondern bewahrt werden. Und was hat Beck bewogen, sich zum Erhalt zu bekennen? Ach, der feine Unterschied zwischen Erhalt und Erhaltung wird mittlerweile meist ignoriert. Die Differenzierung kommt uns abhanden. In Berlin wird zum Beispiel über Erhalt oder Abriss des ICC diskutiert. Das Begriffspaar passt zwar nicht zusammen, doch das merkt kaum noch jemand. Die Substantive Erhalt und Erhaltung sind vom Verb erhalten in seiner doppelten Bedeutung hergeleitet: bewahren einerseits; empfangen, bekommen andererseits. Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft. Über den Erhalt (Empfang) des Päckchens war sie sehr erfreut.

Wenigstens hat die Konjugation von bewahren keine Tücken. Bei vielen Verben ist das anders. „Es kursieren Gerüchte, dass vor ihm zwei Kandidaten abgewunken haben“, las ich. Das haben sie gewiss nicht getan. Doch mag es sein, dass sie abgewinkt haben. Regelmäßige Verben werden regelmäßig gebeugt: winken, winkte, gewinkt. Unregelmäßige Verben werden ebenso konsequent unregelmäßig gebeugt: winden, wand, gewunden. Ausnahmen bestätigen freilich die Regel.

Manche Verben werden sowohl regelmäßig als auch unregelmäßig gebeugt. Das hängt von der Bedeutung ab. Dabei wird viel durcheinander gebracht. Bewegen, bewegte, bewegt ist etwas anderes als bewegen, bewog, bewogen. Der Bundespräsident hat in seiner Fernsehansprache erläutert, was ihn zur Auflösung des Bundestages bewogen (veranlasst) hat. Nun bewegt der Wahlkampf die Parteien und die Bürger. Wer sich selbst oder etwas bewegt, verändert die Lage.

Manch einer wird am Wahlabend erschrecken. Verlierer erschraken ja immer, wir waren erschrocken, also in Schrecken geraten. Verluste erschreckten sie, haben sie erschreckt, nämlich in Schrecken versetzt. Das Kind hat sich erschrocken oder meinetwegen erschreckt, sagte die Mutter. Nein, entgegnete die Großmutter. Du erschrickst hoffentlich nicht, weil ich dich verbessere, aber das Kind ist erschrocken, weil man es erschreckt hat. Du solltest darauf achten, dass der reflexive (rückbezügliche) Gebrauch des Verbs erschrecken in keiner der beiden Konjugationsformen korrekt ist. Sonst lernt es das Kind nicht.

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