Berlin : Erhard Tapp (Geb. 1933)

Sein Lebenswerk: die Oderberger Straße.

Peter Wawerzinek

Es klingt so abgedroschen, und doch, bei Tapp trifft es zu: Die Zeit mit Jüngeren hielt ihn jung. Viele seiner jungen Menschen sitzen weiterhin in seiner Lieblingskneipe in der Raumerstraße, Prenzlauer Berg, um auf ihn anzustoßen. Auf den Menschenfreund Tapp. Auf seinen Hirschhof in der Oderberger Straße, wo verbotene Stücke aufgeführt wurden, wo Musiker und Literaten auftreten konnten, die das anderswo nicht durften. Prost Tapp.

Ihm ist die Rettung einer ganzen Straße, seiner geliebten Oderberger zu verdanken. Das hat der Tapp geschafft, als überzeugter SED-Genosse damals. Als Mitglied im Wohnbezirksausschuss, WBA 55. Er sammelte Unterschriften, er mobilisierte die Anwohner gegen die Abrisspläne. Er fragte immer wieder nach, ob die Leute mit dem WBA zufrieden waren. Die Straße war sein Lebenswerk.

Seine Studenten nannten ihn „Dr. Tapp“. Welche Namen die vielen Frauen ihm gaben, die er beschwor, bleibt sein Geheimnis. Eine war sein Mariechen. Er schleppte sie die letzten Tage in Konzerte und zu Lesungen. Es war ihr eine Ehre, ein Schmuck an seiner Seite zu sein. Auf ihrer Internetseite verabschiedete sie ihren Tapp so: Staunen und Entdecken / das Herz offen halten / dem Glück trauen / und es auf die Bühne heben / die Seele füttern und reifen lassen / das ist der Sinn.

1951 sind seine Eltern in den Westen abgehauen. Tapp war da hoffnungsvolle siebzehn Jahre jung und fand, dass man den Sozialismus aufbauen müsse. Dreimal verheiratet war er dann. Seine Kinder beschreiben ihn als anwesend abwesend, zärtlich und unbeirrbar. Sein Interesse an allem, was Kunst zu bieten hat, steigerte sich mit den Lebensjahren. Es lagen eine Menge Bücher auf dem Nachttisch neben seinem Sterbebett, die er nicht mehr lesen konnte.

Wichtig sind Tage, die unbekannt sind. Wenn er die Kneipe betrat, änderte sich dort alles. Eine Autorität, ein Charmeur der alten Schule, ein Frauenheld. Die jungen Frauen mochte er mehr als die Frauen seines Jahrgangs. Ständig war da eine Neue neben ihm, so schien es. Eine blitzartige Verliebtheit war stets der Grund zur Trennung von der Vorgängerin. Ständig lebte er von Frauen getrennt, obwohl er ständig von Frauen umgeben war.

Vom Fach her war er Biologe. Vor vielen Jahren muss er tief im geheimen Militärforschungsmorast gesteckt haben. Hundsnaiv und blind sei er gewesen, sagte er. Sein hinkendes Bein samt Krückstock sei die gerechte Strafe, sagte er.

Wenn er mit jemandem was zu besprechen hatte, führte er ihn in ein Eckchen. Er hatte eine Art, jedermann den Mund zu öffnen, die man tapptypisch heißen darf. So genau wie er hören ganz wenige zu. Er schaute seinem Gegenüber in die Augen. Eins zu eins, brennend. Er legte seine Hand an den Hinterkopf des anderen, ließ nicht mehr los. Er lachte laut und schallend auf. Er nannte den Berichterstatter einen tollen Burschen. Er boxte ihn. Er bestellte Saalrunden, stieß auf das Leben an. Und war etwas Leidvolles zu bereden, legte er seine Stirn gegen die Stirn des anderen, verharrte unendlich lang im Schweigen. Ein Mensch, der nach dem Motto lebte: Was mich innen bewegt, bewege ich nach außen.

Einer nach dem anderen stoßen sie auf ihn an. Wenn im Kiez einer wie Tapp stirbt, stirbt mit ihm ein bisschen auch die Epoche, in der er wirkte. Eine unscheinbare kleine Ära, für die Tapp steht, dieser einfache, ewig interessierte Mensch unter so vielen komplizierten Menschen. Dieser feinere Charakter. Dieser Kerl, der zu viel rauchte und zu viel trank. Der Mann mit dem schlohweißen Haar. Der gestorbene Mann, der im Tode noch zu rufen scheint: Junge, erzähl weiter! Was geht uns der Morgen an. Der Morgen kann warten. Der Morgen wird schon da sein, selbst wenn wir bis zum Mittag hier sitzen und unverschämt die Zeit verbrauchen. Peter Wawerzinek

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