Erholung vom Kalten Krieg : Auf Kur im westlichsten Außenposten West-Berlins

Einst war Bad Eilsen die Moorbadewanne West-Berlins. Der Kurort in Niedersachsen war Hauptanlaufpunkt für malade Frontstädter. Manche blieben ein paar Wochen, andere für immer.

Lisa McMinn
Ersatzheimat für West-Berliner: Bad Eilsen auf einer Postkarte aus den 70er Jahren. Foto: Touristinformation Bad Eilsen
Ersatzheimat für West-Berliner: Bad Eilsen auf einer Postkarte aus den 70er Jahren.Foto: Touristinformation Bad Eilsen

Meine Suche beginnt im „Stramers“, der letzten Kneipe Bad Eilsens. Donnerstags ist im Stramers Schnitzeltag. Donnerstags ist auch Veggie-Tag in der angrenzenden Reha-Klinik. Das Stramers ist entsprechend gefragt. Die Gäste sitzen an hohen Bistrotischen, an der Kante lehnen Krücken. An den Wänden Fotos aus den 1920ern, als Künstler und Könige nach Bad Eilsen kamen. Also Schnitzel, dazu Bitburger und ein Hocker an der Bar.

Hinterm Tresen zapft Petra Stramer das Bier.

„Kommst auch aus der Klinik, was?“

Ihr Blick bleibt an mir haften, sie schiebt den Zapfhahn zurück und setzt das Glas ab. Petra Stramer, ein Lachen mit vielen Zähnen, im Ausschnitt ein silbriges Fake-Tattoo, kennt zwei Arten von Gästen: Gäste, die täglich da sind, und Kurgäste, die nur vier Wochen täglich da sind.

„Ich bin wegen der Berliner hier“, sage ich.

„Da gibt’s hier einige“, sagt die Wirtin.

Das hatte ich gehofft. Vier Wochen lang war meine Mutter in Bad Eilsen auf Kur, chronischer Muskelschmerz, Fangopackungen und Schwefelwasser sollten helfen. Gesund wurde sie nicht, brachte aber einen Mythos mit nach Hause.

Der westlichste Außenposten West-Berlins

Ob ich davon wisse, dass Bad Eilsen zu Teilungszeiten in gewisser Weise der westlichste Außenposten West-Berlins gewesen sei, fragte sie mich. Eine Stadtführerin habe es so erzählt: In den 70ern sei der Ort im Weserbergland, nahe Bückeburg, im Grenzland zwischen Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen, förmlich explodiert vor Besuchern aus Berlin. Überall auf den Straßen habe man die Mundart gehört, Kundige hätten sogar den Stadtteil erkannt. Die Bürgermeisterin der Gemeinde bestätigte mir die Geschichte auf Nachfrage: Sie habe damals häufig beim Einkaufen neben Menschen gestanden, die nach „Hackepeter“ und „Schrippen“ fragten. Der Grund für die Berliner Invasion sei ein Abkommen zwischen der Landesversicherungsanstalt Berlin und den Kurkliniken im Ort gewesen. Vier Wochen lang blieben die Berliner, bei Verlängerung auch mal sechs. Und manche gleich ein ganzes Leben.

„Und wo genau sind sie?“, frage ich Petra jetzt.

„Da musst du Kurti fragen, Kurti weiß alles“, sagt Petra, greift um meine Schultern und schiebt mich neben einen Mann mit wenig Hals und viel weißem Haar. Kurti gehört zu denen, die täglich kommen, und das schon sehr lange. „Die Berliner wohnen alle auf dem Hügel“, sagt er und hebt seine Biertulpe westwärts. „Am besten, du gehst einfach mal klingeln.“

„Berliner Hügel“, so nennen die Einwohner den Hang am Berg Harrl, auf den die Kurberliner zogen. Von dort lässt sich Bad Eilsen gut überschauen. Rund 2500 Menschen leben hier. Der Ort schmiegt sich zwischen zwei Höhen, den Bückeberg, mit 360 Metern kein richtiger Berg, aber immerhin dreimal so hoch wie der Teufelsberg im Grunewald, und den etwas flacheren Harrl. Die A2 kann man sehen, hören kann man sie an diesem Tag nicht. Buchen und Eichen ziehen sich ins Tal, darin sammeln sich Einfamilienhäuser, umgeben von geharkten Gärten. Im Hintergrund hat der Herbst die Höhen bunt betupft.

Der Hügel wurde in den 70er Jahren als Wohngebiet erschlossen, der Bedarf war groß. Schon vor Baubeginn im Jahr 1974 gab es zahlreiche Anmeldungen für die Zwei- bis Dreizimmerwohnungen. Knapp 80 Prozent der Erstbewohner waren Berliner, sagt die heutige Bürgermeisterin. Während ihrer Kur hatten sie den Ort kennengelernt, nun wollten sie West-Berlin, die Insel in der DDR, verlassen, in die Heimeligkeit ziehen, aufs Land. Das Wohngebiet besteht aus zwei Straßen, der Thomas-Mann-Straße, einer Ringstraße die in einer breiten Kurve den Hügel hinauf führt, und der Franz-Liszt-Straße, die den Ring durchkreuzt. Rechts und links säumen sie Wohnblöcke, ockergelb und lindgrün, winkelförmig auf gestutztem Rasen angeordnet. Drei Stockwerke sind sie hoch, obendrauf ein flaches Dach.

Unter ihrem rechten Arm klemmt ein Dackel

Ich klingle an der Nummer 29, ockergelb, sechs Parteien. Barbara Kraft öffnet die Tür, eine rundliche Frau mit grauen Locken. Unter ihrem rechten Arm klemmt ein Dackel. Der Hund, massiger Körper, kleiner Kopf, grummelt und windet sich, vergebens, Barbara Kraft hält fest, und bittet mich hinein.

Die Wohnung ist übersichtlich – zwei Zimmer, Küche, Bad, vor der Stube ein ausladender Balkon, in den Töpfen Heidekraut, und ein buntes Windrad. Hans und Barbara Kraft sind, wenn man so will, Berlinflüchtige der zweiten Generation. Zum Boom, 1979, zogen zunächst Barbara Krafts Eltern auf den Hügel. „Die haben die Berliner Luft nicht mehr vertragen“, sagt Hans Kraft, heute selbst Rentner, am Körper Feinstrick, an den Füßen Puschen. Damals lebte er mit seiner Frau in Kreuzberg, danach noch eine Zeit lang im Wedding, zuletzt arbeitete er als Hausmeister, in Buckow. Nach der Wende, im Jahr 1997, zogen die Krafts den Eltern hinterher, nach Bad Eilsen.

Bis dahin stiegen sie fast jedes Wochenende in den „Haru“-Bus. Haru, so hieß das Unternehmen, das die erholungsbedürftigen Berliner gen Westen brachte. Der Bus war voll, die Stimmung gut, erinnert sich Hans Kraft. Unter den Reifen wummerten die Betonplatten der Transitstrecke. Wenn sie Magdeburg hinter sich gelassen hatten, schallte aus den Boxen blechern „Major Tom“ von Peter Schilling. „Weißte noch?“, Hans Kraft nickt seiner Frau zu. „Völlig losgelöst, von der Erde“, singt Barbara Kraft und wippt – der Dackel wackelt mit. „Die Bockwürste waren auch ordentlich“, sagt Hans Kraft. Huch, Bockwurst an Bord? „Neben dem Fahrer, auf der Kunststoffarmatur dampfte der Kocher“, erinnert sich Kraft. Die hätten immer gut geschmeckt, und sowieso, auf den Bus war Verlass: „Der konnte ja nur 100 fahren, aber da wusste man, in vier Stunden ist man da.“

Für Erholung im eigenen Land war Niedersachsen von West-Berlin aus das nächstgelegene Ziel. Der Bäderbus klapperte jeden Sonntag die Kurorte ab. Bad Nenndorf, Bad Pyrmont, Bad Eilsen, hinter der Grenze zu Nordrhein-Westfalen lag noch Bad Oeynhausen. Damals brachte der Haru-Bus einmal die Woche eine Ladung West-Berliner in diese Orte, setzte sie vor den Kurkliniken ab und nahm die Genesenen wieder mit. Die Heilanstalten Bad Eilsens nahmen gemessen an der Gesamtzahl der Besucher besonders viele Berliner auf, rund die Hälfte der Kurgäste kam dort her.

Den vollständigen Text lesen Sie am Sonnabend, 19. November 2016, auf den Mehr-Berlin-Seiten im gedruckten Tagesspiegel oder im Online-Kiosk Blendle.

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