Berlin : Erich Huth (Geb. 1925)

„Mach mal das Fenster wieder zu. Gefroren hab’ ich genug.“

Tatjana Wulfert

Allein! Wieder allein! / Einsam wie immer. / Vorüber rauscht die Jugendzeit / In langer, banger Einsamkeit.

Im Jahr 1942 gerät der Soldat Huth nach Russland, an die Wolga. 1949 kommt er zurück. Ein Spätheimkehrer. Fünf Jahre Gefangenschaft. Er ist krank. Im aufgedunsenen Körper Wasser, Unmengen, im Kopf Bilder, von denen er nicht geglaubt hätte, dass man sie sehen kann, ohne blind zu werden.

Vorüber rauscht die Jugendzeit.

Der Krieg, in dem er nicht kämpfen wollte, brachte ihn zunächst nach Frankreich. Paris. Erich läuft die Boulevards entlang, setzt sich auf einen Stuhl im Jardin du Luxembourg, ein Paar läuft vorüber, ein Kind an der Hand seiner Gouvernante, er horcht auf die Worte, wie schön diese Sprache klingt, kauft sich ein Lehrbuch, schlägt es auf, Bonjour. Comment allez-vouz?

Bald erreicht ihn der Befehl: Russland.

Es steht ein Soldat am Wolgastrand. / … / In dunkler Nacht allein und fern.

Zum Sterben, wie es heißt, wird er nach Hause geschickt, in einem Viehwaggon. Kommt an in Moabit, schleppt sich zum Arzt, der ihn sofort ins Krankenhaus fährt, in einer Schubkarre, wer hat schon ein Auto. Monate muss Erich sich erholen von zugigen Baracken, Nächten auf rissigen Holzböden, nicht mal ein Stück Zeitungspapier unter dem kältestarren Rücken. „Mach mal das Fenster wieder zu“, sagt er später oft zu seinem Sohn, der nur das Zimmer ein wenig lüften möchte, „gefroren hab’ ich genug.“

Erich lernt Konfektionsschneider, arbeitet im Damenoberbekleidungsgeschäft seines Vaters in der Waldstraße. Geht dann und wann am Abend aus, in ein Tanzcafé, diese munteren Schlager, als sei nichts gewesen. „Tanzen“, fragt er sich in einer Ecke stehend, „kann ich das noch?“ Die Paare vor ihm drehen sich, beschwingt, leichtfüßig. Eine junge Frau dreht sich beschwingter, leichtfüßiger noch als die anderen. Wer ist sie? Die Frau wendet den Kopf, blickt ihn an. Wer ist er? Dieser stille junge Mann? Auch so ein armer Soldat, was nur hat er sehen müssen? Ingeborg kommt zu Erich, nimmt seine Hand. Sie tanzen.

Von Ingeborg sagen die Leute, sie sei exaltiert. Zu bunt gekleidet, zu rot das Haar, zu laut die Stimme. Erich interessiert das Gerede nicht. Er liebt diese Frau, die sagt, was sie denkt, an der niemand vorbeischaut. „Schmuck“, sagt sie, „den man nicht sieht, kann man auch weglassen. Grau und trostlos war unsere Jugend. Das geht nicht, das macht man nicht – das habe ich zu viele Jahre hören müssen.“

Sie leben in einer winzigen, heruntergekommenen Wohnung. Das darf doch nicht wahr sein, empört sich Ingeborg, niemand kümmert sich um die Männer, die gekämpft haben in diesem stumpfsinnigen, grauenhaften Krieg, fürs Vaterland. Sie schreibt Briefe an den Bezirksbürgermeister, läuft auf die Ämter, zeigt ihren Zorn. Es nutzt. Sie ziehen in eine neue Wohnung.

Manchmal kommt es vor, dass Erich doch den Kopf über Ingeborg schüttelt. „Wie kannst du dem Jungen einen roten Anzug anziehen?“, fragt er. Aber augenblicklich sind sie wieder da, die Bilder von dem dunklen groben Stoff der Armeemäntel, von den gekrümmten Körpern im Schnee, dem Klavier, das er einst so gern spielte, dem Lehrbuch für französische Sprache.

Zwei Söhne haben Erich und Ingeborg miteinander. Sehr früh schon haben sie ihnen die übrige Welt zeigen wollen, eine Welt, die groß und schön und voller Möglichkeiten ist. Das Theater. Museen. Fremde Städte. Die Berge. Das Meer. Die Kinder lieben diese Reisen. Später besuchen die Eltern die Kinder, den ältesten Sohn, ein Opernbariton, versäumen keine seiner Premieren.

Am 4. Oktober 2007 stirbt Ingeborg.

Vier Monate darauf, an seinem 83. Geburtstag, Erich. Sein Sohn singt am Grab das Lied vom Soldaten am Wolgastrand. Tatjana Wulfert

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