Erich Kästner : Papa Külz verreist

Abenteuer eines Fleischermeisters: Erich Kästners Krimi "Die verschwundene Miniatur" erscheint in neuer Ausgabe.

Andreas Conrad

Es kommt nicht oft vor, dass die Schaufensterpuppen des KaDeWe zu zwinkern beginnen. Vielleicht geschah es sogar nur dieses eine Mal, als der Kunstdieb Professor Horn, der eigentlich Klotz hieß, sich vor der Polizei ausgerechnet in die Auslagen an der Ansbacher Straße rettete. Keine schlechte Idee, er war ja vornehm gekleidet – wäre nicht Mariechen gewesen, sechs Jahre alt. Während die Mutter mit anderen Passanten über die Aufregung vor dem Kaufhaus debattierte, beguckte sie die Schaufenster und machte dabei, plötzlich sehr aufgeregt, eine Entdeckung: „Mutti, guck mal! Die große Puppe klappert mit den Augen!“

Es ist nicht weiter tragisch, die letzte glückliche Wendung in Erich Kästners heiterem Kriminalroman „Die verschwundenen Miniatur“ hier schon zu verraten. Trotz aller Aufregung um Verfolgungsjagden, Revolverschüsse, Berufsverbrecher und ein sündhaft teures Kunstwerk geht es darin recht idyllisch zu, und da kann sich jeder denken, dass das Böse am Ende nicht siegen wird. Der Lesespaß entsteht ohnehin vor allem aus der feinen Ironie und den Haken, die die Geschichte schlägt. Davon gibt es eine ganze Menge. Gerade Kopenhagen-Reisenden sei das jetzt von Kästners altem Atrium-Verlag Zürich wiederaufgelegte Büchlein von 1935 wärmstens empfohlen. Papa Külz, Hauptheld der Geschichte, Fleischermeister aus der Berliner Yorckstraße, hätte es sich freilich nie eingepackt. Er ist nun mal kein Leser, sogar ungebildet und naiv, gleichwohl eine Seele von Mensch. Und als er, aus seinem Fleischerleben ausgebüchst nach Kopenhagen, dort von einem hübschen Berliner Mädel um einen Gefallen gebeten wird, kann er nicht nein sagen: Er möge ihr, der Sekretärin eines berühmten Kunstsammlers, doch bitte helfen, eine von diesem ersteigerte Miniatur Holbeins des Jüngeren sicher nach Berlin zu bringen. Der Titel des Romans deutet an: Es gibt Komplikationen.

Kästners Buch konnte man auch in den vergangenen Jahren kaufen, etwa als Taschenbuch bei dtv. Dennoch ist die Atrium-Neuausgabe erfreulich, schon optisch. Auf den ersten Blick erinnert die Illustration auf dem Umschlag an die berühmten Kästner-Titel von Walter Trier, die nicht unerheblich zum Erfolg des Autors beigetragen haben. Es stammt aber von Hans Traxler, der künftig für den Züricher Verlag alle Kästner-Titel illustrieren wird, als nächstes die „Lyrische Hausapotheke“, die im Frühsommer erscheint. Die Wahl des Cartoonisten der Neuen Frankfurter Schule leuchtet ein. Schon 2006 hatte Traxler in einem Gespräch über Kinderliteratur das Doppel Kästner/Trier als „große Vorbilder“ gerühmt: Kästner habe „für Erwachsene wie für Kinder geschrieben, und er hatte in Walter Trier einen genialen Illustrator, der die Maßstäbe für die nächsten 100 Jahre setzte.“ Mehr noch: „Trier, den ich seit meiner Jugend verehre, hat mich dazu gebracht, Kästner zu lesen“, verriet der Zeichner jetzt zum Start der neuen Kästner-Reihe des Züricher Verlages.

Dieser hat zu dem Autor eine besondere Beziehung, in der sich dessen Biografie wie auch deutsche Zeitgeschichte spiegeln. Zum Schreiben von Kinderbüchern war Kästner durch Edith Jacobson, Inhaberin des Berliner Verlages Williams & Co. überredet worden, gleich sein Debüt „Emil und die Detektive“ wurde 1929 ein Riesenerfolg. 1933 floh die jüdische Verlegerin aus Berlin, den Verlag verkaufte sie an Kurt Maschler, der drei Jahre später als Jude ebenfalls emigrieren musste.

Kästner war nach der „Machtergreifung“ umgehend verboten worden, auch seine Bücher brannten auf dem Opernplatz, im Verlag hatte die Gestapo sie bis auf je ein Archivexemplar beschlagnahmt. Eigens zur Wahrung der Rechte Kästners gründete Maschler daher 1935 in Basel den später nach Zürich verlegten Atrium-Verlag. Kästner war anfangs nur in Deutschland verboten, konnte in der Schweiz also weiter erscheinen, während die Verträge zwischen Kästner und Maschler nach wie vor in dessen Berliner Büro geschlossen wurden.

Der Verleger konnte sich nach England retten, leitete von dort aus Atrium weiter, bei dem noch heute die Kästner-Weltrechte liegen. Dort erscheinen seine Erwachsenenbücher, die Kinderbücher dagegen im Hamburger Cecilie Dressler Verlag, der aus Williams & Co. hervorgegangen war und 1976 den einst von diesem gegründeten Atrium-Verlag übernommen hatte. So erfüllt sich auch in der Geschichte der Kästner-Verlage eine vom Fleischermeister Külz kaum erfundene, ihm aber einleuchtende Weisheit: „Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei!“

— Erich Kästner. Die verschwundene Miniatur oder auch Die Abenteuer eines empfindsamen Fleischermeisters. Atrium Verlag, Zürich. 255 Seiten, 288 Seiten, 19,90 Euro.

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