Berlin : Erich Miller (Geb. 1916)

Sieben Mitglieder braucht ein Verein. Und einen Computer.

Tatjana Wulfert

Lebensabend. Das Wort klingt nach Ruhe. Erich Miller denkt nicht daran, sich zurückziehen, einsam zu leben als mürrischer Greis, den Jungen feindlich gesinnt, das Neue verachtend. Die alten Leute, beobachtet er, sprechen nur mehr noch über das, was war, nicht mehr über das, was wird. Er weiß, die Alten müssen auf die Jungen zukommen, wollen sie noch teilhaben an der Welt.

1997, mit 80 Jahren, gründet er gemeinsam mit einem Freund den Deutschen Seniorencomputerclub.

Margot lacht. „Sie haben einen Computerclub gegründet. Aber niemand hatte einen Computer.“ Herr Karálus nickt amüsiert: „Ja, zunächst gab es nur Kaffee und Kuchen für sieben Mitglieder. Sieben braucht man, um einen Verein beim Amtsgericht eintragen zu lassen. Erst einige Tage nach der Gründung bekam der Club einen ausrangierten Computer geschenkt. Anfänglich fanden die Kurse im Haus von Erich statt. Dann zogen wir um in ein anderes Gebäude. Einen Raum hatten wir, in der ersten Etage. Zwei Jahre später schon fünf Räume in der zweiten. Jetzt belegen wir die gesamte fünfte Etage. 2003 verlieh man Erich sogar eine Verdienstmedaille.“

Erich wächst in Wedding auf. Der Vater ist Tischler. Die Mutter hat einen kleinen Zigarrenladen. Das Geld reicht gerade so. Erich macht sein Abitur, studiert Elektrotechnik und Maschinenbau. Nebenbei kümmert er sich um seine vier Geschwister. Bisweilen bringt seine jüngste Schwester eine Schulfreundin mit nach Hause, Margot. Die errötet manchmal, wenn sie Erich sieht. Der bemerkt nur, dass die Puppensachen der Mädchen wieder im Wege liegen.

Margot wird 18, Erich nervös. Er wechselt öfter das Hemd, kämmt sich sorgfältig die Haare. Und fragt Margot, ob sie mit ihm ausgehen möchte. Sie sehen Filme, Theaterstücke, spazieren durch die Straßen. Doch eines Tages trifft Erich Margot ein letztes Mal. Er hat sich verliebt, in Ursel.

Der Krieg beginnt. Erich wird eingezogen, zur Luftwaffe. Sein Glück. So muss er nicht an die Front, unterweist Soldaten im Umgang mit flugtechnischen Geräten. Irgendwann hält er den nationalsozialistischen Stumpfsinn nicht mehr aus, taucht unter in einem Dorf in Schwaben. Dort wartet Ursel auf ihn, schwanger. 1945 bekommen sie einen Sohn.

Der Krieg ist aus. Erich weiß, was er zu tun hat: Helfen, ein neues, ein besseres Land aufzubauen. Er kehrt zurück nach Berlin, arbeitet zunächst an einer Gewerbeschule, später in der Plankommission der DDR. Ende der sechziger Jahre schickt ihn das Ministerium für Außenhandel als Handelsrat nach Kuba. „Meine schönste Zeit“, nennt er die fünf Jahre in Havanna. Er liebt die Sonne, seine Arbeit, die Menschen dort. Trifft auf einem Empfang Fidel Castro, schüttelt ihm die Hand.

Immer bei Erich ist Ursel. Ursel sieht oft müde aus. Ihre Hüfte schmerzt, ein angeborenes Leiden. Die regelmäßigen Kuren bringen kaum Besserung.

Dann der Schock im November 1989. Erich schaut bestürzt dabei zu, wie die DDR verschwindet. Er fühlt sich alt. Bis er begreift: Ich muss etwas tun. Die Idee mit den Computern entsteht. Herr Karálus sagt: „Seit ich ihn kenne, hat das Alter seinen Schrecken für mich verloren.“

Nur Ursel, stets liebevoll und fürsorglich in all den Jahren, verändert sich. Zuerst ist es die Brille, die sie nicht mehr finden kann. Bald schon der eigene Name. Erich pflegt Ursel, zu Hause, jahrelang. Liest ihr jeden Tag vor, Goethe, Ursels Lieblingsdichter. Im April 2003 schläft sie ein.

Viele Menschen kommen zu Erich, sprechen tröstliche Worte. Auch Margot. Anfangs sind beide behutsam. Ein Kaffee zusammen. Ein Spaziergang. Erich und Margot schauen einander zärtlich in ihre schmalen faltigen Gesichter, lachen. 2005 stehen sie auf der Treppe des Standesamtes. „Zusammen sind wir 170 Jahre alt“, flüstert Erich Margot zu.

Im Juli 2007 stirbt Erich. Sein Körper, so hat er ausdrücklich bestimmt, wird dem Institut für Anatomie zur Ausbildung junger Medizinstudenten zur Verfügung gestellt. Tatjana Wulfert

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben